Sektorale Salden und Verhaltensweisen

Von L. Randall Wray


Im zweiten Teil unserer Serie haben wir die Grundlagen der makroökonomischen Buchhaltung kennengelernt. Im dritten Teil legten wir eine Pause von der Buchhaltung ein, um einen Blick auf den Aufstieg und Fall der Goldlöckchen-Ökonomie zu werfen und betrachteten die sektoralen Bilanzierungsidentitäten der USA. Im heutigen Teil werden wir etwas tiefer in die Buchhaltung einsteigen und uns mit dem Verhältnis zwischen den Strömen (Defiziten) und den Beständen (Schulden) befassen. Um Fehler zu vermeiden, müssen wir sicherstellen, dass Ströme und Bestände konsistent miteinander verknüpft sind. Selbstverständlich müssen alle Ausgaben und Ersparnisse irgendwo herkommen und irgendwo hingehen. Und wir müssen darauf achten, dass der Überschuss eines Sektors durch das Defizit eines anderen Sektors ausgeglichen wird. Das ist in etwa so, als würde man die Spielergebnisse eines Baseballspiels notieren. Und in der Tat sind die meisten finanziellen "Spielstände" in der modernen Welt tatsächlich elektronische Einträge (per Mausklick).


Wir werden zudem versuchen, etwas über Wirkungsketten, also Kausalitäten, auszusagen. Es genügt uns nicht, zu wissen, dass auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene die Summe aus privatem Saldo, staatlichem Saldo und ausländischem Saldo Null ergibt. Wir würden gerne verstehen, warum der Privatsektor während der Clinton-Goldlöckchen-Jahre einen negativen Saldo aufwies, während der Saldo des Staates positiv war - wie sind wir an diesen Punkt gekommen und welche Prozesse haben dies herbeigeführt? Das ist selbstverständlich notwendig, um die Entwicklung im Detail verstehen zu können und Politikvorschläge abzuleiten. Im Gegensatz zur Identität der Makrobuchhaltung (die wahr sein muss) ist es nicht möglich, mit Sicherheit zu sagen, was den Saldo eines bestimmten Sektors verursacht. Es ist dagegen recht einfach zu sagen, dass der inländische Privatsektor nach der buchhalterischen Identität negativ sein muss (er weist ein Defizit auf), wenn die Regierung einen Überschuss erwirtschaftet und der ausländische Saldo positiv ist (der ausländische Sektor gibt weniger aus als er einnimmt). Die Salden müssen sich schließlich zu Null addieren.


Die Ursachen dafür zu finden, warum der private Sektor während der Goldlöckchen-Jahre ein Defizit hatte, ist wesentlich schwieriger. Noch schwieriger ist es, zu prognostizieren, ob und wie lange dieses Defizit fortbestehen kann. Ich habe bereits in Teil 3 gesagt, dass ich den Zeitpunkt des Crashs falsch prognostiziert habe - die Defizite des privaten Sektors hielten etwa 4 Jahre länger an als ich erwartet hatte. Prognosen sind verdammt schwer zu treffen - wenn sie einfach wären, würden alle MMTler viel Geld verdienen, indem sie auf Ergebnisse wetten würden. Anders gesagt: Ein gutes Verständnis von MMT räumt einem kein Monopol auf kausale Erklärungen ein. Wir dürfen diesbezüglich nicht allzu optimistisch sein. Wie der verstorbene und große Wynne Godley es zu sagen pflegte, machte er keine Prognosen, sondern eher bedingte Hochrechnungen.


Auf Basis der Arbeiten von Godley stellt beispielsweise das Levy Economics Institute (http://www.levy.org) solche Hochrechnungen an. In der Regel befasst sich das Institut zunächst mit den CBO-Projektionen (Congressional Budget Office [Anm. der Red.: Haushaltsamt im US-Kongress]) über die Entwicklung der Staatsdefizite und des Wirtschaftswachstums in den nächsten Jahren. Die CBO-Projektionen werden weitgehend durch das geltende Recht bestimmt (d.h. durch Verordnungen, die die Staatsausgaben und die Besteuerung betreffen, sowie durch Vorschriften zum Defizitabbau). Die CBO-Projektionen achten jedoch nicht auf die Konsistenz zwischen Strom- und Bestandsgrößen und folgen somit nicht dem Ansatz der drei sektoralen Salden (was Godley fürchterlich aufregte). Mit anderen Worten, sie sind inkohärent. Aber angesichts der Projektionen über den Haushaltssaldo und das BIP-Wachstum sowie der empirischen Schätzungen verschiedener wirtschaftlicher Parameter (z.B. Konsum- und Importneigung) kann man ein Modell erstellen, welches Bestände und Ströme (Veränderungen der Bestände) konsistent erfasst und mit dem sich sowohl die impliziten sektoralen Bilanzen als auch der Pfad der Verschuldung berechnen lassen. Das Levy Institute stellt häufig fest, dass die in den CBO-Prognosen verwendeten Wirtschaftswachstumsraten (zum Beispiel) in Verbindung mit den Projektionen des öffentlichen Defizits höchst unplausible Salden der beiden anderen Sektoren (einheimischer Privatsektor und Ausland) sowie private Schuldenquoten implizieren. Um solche Analysen durchzuführen, muss man über die einfachen buchhalterischen Identitäten hinausgehen.


Defizite -> Ersparnisse und Schulden -> Vermögen


Wir haben in unseren früheren Beiträgen festgestellt, dass die Defizite eines Sektors den Überschüssen (mindestens) eines der anderen Sektoren entsprechen müssen. Wir haben auch festgestellt, dass die Schulden eines Sektors dem Geldvermögen (mindestens) eines der anderen Sektoren entsprechen müssen. Bis jetzt folgt dies alles aus den Prinzipien der makroökonomischen Buchhaltung. Ein Wirtschaftswissenschaftler möchte jedoch noch mehr sagen, denn wie alle Wissenschaftler interessieren sich auch die Ökonomen für Kausalitäten. Die Ökonomik ist eine Sozialwissenschaft, d.h. eine Wissenschaft von außerordentlich komplexen sozialen Systemen, in denen die Wirkungsketten nie einfach sind, weil wirtschaftliche Phänomene von Interdependenzen, Hysterese, kumulativen Kausalitäten usw. beeinflusst werden. Dennoch können wir etwas über kausale Beziehungen zwischen den Strömen und Beständen sagen, die wir in den vorangegangenen Beiträgen diskutiert haben. Einige Leser werden feststellen, dass die hier angenommenen kausalen Zusammenhänge aus der keynesianischen Theorie abgeleitet sind.


a) Die individuellen Ausgaben werden hauptsächlich vom Einkommen bestimmt


Unser Ausgangspunkt ist die Ausgabeentscheidung des Privatsektors. Für den Einzelnen erscheint es plausibel, zu sagen, dass sein Einkommen weitgehend seine Ausgaben bestimmt, denn wer kein Einkommen hat, wird bei der Entscheidung über den Kauf von Gütern und Dienstleistungen sicherlich stark eingeschränkt sein. Wenn man jedoch länger darüber nachdenkt, wird einem deutlich, dass selbst auf der Ebene des Einzelnen kein starrer Zusammenhang zwischen Einkommen und Ausgaben besteht - man kann weniger ausgeben als einnehmen, indem man Nettogeldvermögen anhäuft, oder man kann mehr ausgeben als man einnimmt, indem man finanzielle Verbindlichkeiten eingeht und sich dadurch verschuldet [Anm. der Red.: oder vorhandenes Geldvermögen abbaut]. Dennoch bildet auf der Ebene des einzelnen Haushalts oder Unternehmens das Einkommen die Grundlage für die Ausgaben, auch wenn beide Strömen nicht perfekt übereinstimmen. Es gibt hingegen wenig Grund zu der Annahme, dass die eigenen Ausgaben das eigene Einkommen wesentlich bestimmen.


b) Defizite erzeugen Geldvermögen


Wir können auf der Ebene des Einzelnen auch etwas über die Ursache der Bildung von Geldvermögen sagen. Wenn ein Haushalt oder ein Unternehmen beschließt, mehr auszugeben als er/es einnimmt (ein Haushaltsdefizit anzustreben), kann er/es Verbindlichkeiten (Schuldverschreibungen) zur Finanzierung von Anschaffungen herausgeben. Diese Verbindlichkeiten werden als Nettogeldvermögen von jemand anderem gehalten, der dementsprechend spart (einen Haushaltsüberschuss bildet), z.B. einem anderen Haushalt, einer anderen Firma oder auch dem Staat. Damit diese Anhäufung von Nettogeldvermögen stattfinden kann, muss natürlich ein Haushalt oder eine Firma bereit sein, ein Defizit anzustreben, und ein anderer Haushalt, eine Firma oder ein Staat müssen bereit sein, Vermögen in Form der Verbindlichkeiten dieses Schuldners anzuhäufen. Man könnte sagen, "es braucht zwei, um Tango zu tanzen". Jedoch ist die Entscheidung ein Haushaltsdefizit anzustreben die auslösende Ursache für die Schaffung des Nettogeldvermögens. Ganz gleich, wie sehr andere ein Geldvermögen anhäufen wollen, sie werden dazu nicht in der Lage sein, solange niemand bereit ist, einen Ausgabeüberschuss zu realisieren.


Dennoch ist es richtig, dass auch Haushalte oder die Firma nicht in der Lage sein werden, einen Ausgabeüberschuss zu tätigen, solange sie nicht bereits angehäufte Vermögenswerte verkaufen oder jemanden finden, der bereit ist, ihre Verbindlichkeiten zu halten. Wir können aber davon ausgehen, dass es eine gewisse Neigung (oder den Wunsch) gibt, Nettogeldvermögen zu bilden. Das bedeutet aber nicht, dass jede einzelne Firma oder jeder einzelne Haushalt stets in der Lage ist, Schulden zu machen, um Ausgabeüberschüsse zu tätigen, aber es stellt sicher, dass viele Firmen und Haushalte bereitwillige Gläubiger finden, die ihre Schulden halten wollen. Und im Falle einer souveränen Regierung gibt es eine besondere Macht - die Fähigkeit zur Besteuerung -, die praktisch garantiert, dass Haushalte und Firmen die Schuldverschreibungen ihrer Regierung halten wollen. (Dies ist ein Thema, mit dem wir uns später befassen werden.) Letztlich ist die Kausalität zwar komplex und es "braucht zwei, um Tango zu tanzen", die Wirkungskette aber neigt dazu, von der individuellen Finanzierung eines Haushaltsdefizits zur Akkumulation von Geldvermögen und von der Verschuldung zum Geldvermögen zu verlaufen. Da eine Erhöhung des Geldvermögensbestandes aus einem Haushaltsüberschuss resultiert, d.h. aus einem Strom von Ersparnissen, können wir auch schlussfolgern, dass die Wirkungskette tendenziell von der Defizitfinanzierung zum Sparen verläuft.


c) Gesamtwirtschaftliche Ausgaben führen zu gesamtwirtschaftlichem Einkommen


Auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene, wenn man eine Volkswirtschaft als Ganzes betrachtet, ist die Wirkungskette klarer zu erkennen. Eine Gesellschaft kann sich nicht dafür entscheiden, mehr Einkommen zu haben, sie kann sich aber dafür entscheiden, mehr auszugeben. Ferner müssen alle Ausgaben eine Einnahme bei jemand anderem erzeugen. Zudem sind, wie bereits erwähnt, die Ausgaben nicht notwendigerweise durch die Einnahmen begrenzt, da Haushalte, Unternehmen oder Staat mehr ausgeben können als sie einnehmen. In der Tat kann, wie wir besprochen haben, jeder unserer drei Sektoren ein Defizit aufweisen, wenn mindestens einer der anderen Sektoren einen Überschuss aufweist. Es ist jedoch nicht möglich, dass sich die Ausgaben auf gesamtwirtschaftlicher Ebene von den Gesamteinnahmen unterscheiden, da die Summe der sektoralen Salden Null sein muss. Aus all diesen Gründen müssen wir die Verursachung zwischen Ausgaben und Einnahmen umkehren, wenn wir uns dem Aggregat zuwenden: Während auf der individuellen Ebene das Einkommen die Ausgaben bestimmt, erzeugen die Ausgaben auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene das Einkommen.


d) Defizite in einem Sektor führen zu Überschüssen in einem anderen


Wir haben bereits gezeigt, dass die Defizite eines Sektors identisch sind mit der Summe der Überschusssalden der anderen Sektoren. Wenn wir die Volkswirtschaft in drei Sektoren aufteilen (inländischer Privatsektor, inländischer Staatssektor und ausländischer Sektor), dann muss, sofern ein Sektor ein Defizit aufweist, mindestens ein anderer Sektor einen Überschuss haben. Genau wie im Falle unserer Analyse der einzelwirtschaftlichen Salden "braucht es zwei zum Tango tanzen", in dem Sinne, dass ein Sektor kein Defizit aufweisen kann, wenn kein anderer Sektor einen Überschuss hat. Gleichermaßen können wir sagen, dass ein Sektor keine Schulden machen kann, wenn kein anderer Sektor bereit ist, Schuldverschreibungen anzuhäufen.


Selbstverständlich wird ein Großteil der innerhalb eines Sektors emittierten Schulden von anderen in diesem Sektor gehalten. Betrachten wir zum Beispiel die Finanzlage des privaten Sektors, so werden wir feststellen, dass die meisten Unternehmensschuldverschreibungen von inländischen Firmen und Haushalten gehalten werden. In der Terminologie, die wir bereits eingeführt haben, handelt es sich dabei um die innersektorale Verschuldung jener Firmen und Haushalte, die ein Haushaltsdefizit haben, welches von jenen Haushalten und Firmen, die Haushaltsüberschüsse aufweisen, als innersektorales Vermögen gehalten werden. Wenn jedoch der inländische Privatsektor insgesamt mehr ausgibt als er einnimmt, muss er „außersektoral“ Schuldscheine herausgeben, die von mindestens einem der beiden anderen Sektoren (inländischer Staatssektor und Ausland) als „außersektorales“ Vermögen gehalten werden. Da die auslösende Ursache für ein Haushaltsdefizit der Wunsch ist, mehr auszugeben als man einnimmt, verläuft die Ursache meist von Defiziten zu Überschüssen und von Schulden zu Nettogeldvermögen. Auch wenn uns klar ist, dass kein Sektor ein Defizit verzeichnen kann, wenn nicht ein anderer einen Überschuss erzielen will, ist dies in der Regel doch kein Problem, da die Neigung besteht, Nettogeldvermögen zu sparen. Das heißt, es besteht der Wunsch, Geldvermögen anzuhäufen - welches per Definition die Geldschuld eines anderen ist.


Schlussfolgerung


Bevor wir weitermachen, ist es notwendig zu betonen, dass alles in diesem Beitrag (wie auch in Beitrag 2) für die makroökonomische Buchhaltung eines jeden Landes gilt. Obwohl in den Beispielen der Dollar verwendet wurde, gelten alle Ergebnisse unabhängig von der verwendeten Währung. Unsere fundamentale Gleichung der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungssalden,

Privater Saldo des Inlandes + Saldo des Staates des Inlandes + Saldo des Auslandes = 0,

wird strikt auf die Verbuchung von Salden jeder Währung angewandt. Innerhalb eines Landes kann es auch Ströme (die sich zu Beständen anhäufen) in einer Fremdwährung geben, und auch in dieser Währung wird es eine Saldenidentität geben.


Beachten Sie, dass sich nichts ändert, wenn wir unser Modell auf eine Reihe verschiedener Länder ausdehnen, von denen jedes eine eigene Währung herausgibt. Für jedes dieser Länder und für jede der Währungen wird es eine makroökonomische Saldenidentität geben. Einzelne Firmen oder Haushalte (oder auch Regierungen) können Nettogeldvermögen in mehreren verschiedenen Währungen akkumulieren; umgekehrt können einzelne Firmen oder Haushalte (oder Regierungen) Nettoschuldverschreibungen in mehreren verschiedenen Währungen herausgeben. Es kann sogar noch komplizierter werden, wenn eine Einzelperson in einer Währung ein Defizit und in einer anderen einen Überschuss hat (Schuldverschreibungen in einer Währung ausgeben und Vermögen in einer anderen Währung anhäufen). Dennoch wird es für jedes Land und für jede Währung eine makroökonomische Saldenidentität geben.

OK, das reicht für diese Woche.

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