Welcher Mensch „braucht“ schon Aktien?


Dass der moderne Kapitalismus den materiellen Reichtum insbesondere westlicher Gesellschaften als Gruppe auf ein nie geahntes Niveau gehoben hat, kann nur leugnen, wer sich dieser Erkenntnis willentlich verschließt.


Stimmt deshalb aber schon der (verdächtig naheliegende) Schluss der modernen Wirtschaftswissenschaft, dass die wirtschaftliche Aktivität des Menschen der zunehmend besseren Erfüllung und schließlich sogar der „Sättigung“ „materieller Bedürfnisse“ – also dem was wir „Fortschritt“ nennen - dient?


Ist es nicht vielmehr eine höchst seltsame Vorstellung, dass allen zur Befriedigung dieser „materiellen Bedürfnisse“ getätigten Käufen von Waren und Dienstleistungen ein jeweils unmittelbares Bedürfnis des Individuums nach dieser Ware oder Dienstleistung ähnlich dem des menschlichen Körpers nach Nahrung zu Grunde liegen soll?


Die modernen Wirtschaftswissenschaften sind offenbar der haarsträubende Versuch, moderne Wirtschaftssysteme aus einem angeblich möglichen unmittelbaren Verhältnis des Individuums zu kulturellen Artefakten – Waren und Dienstleistungen – nicht aber aus dem Verhältnis der Individuen zueinander, also als gesellschaftliches Phänomen, zu erklären.


Wie dieses Phänomen auch bezogen auf reale Gegenstände in Wahrheit aussieht, lässt sich am besten an der Aktienbörse beobachten.


Das „Bedürfnis“ der Börsenakteure nach einer bestimmten börsengehandelten Aktie beruht nicht in erster Linie auf ihrem individuellen Verhältnis zum Aktienunternehmen, nämlich der möglichen Jahresdividende, die dem jeweiligen Aktieninhaber zufließt. Wäre dies so, entspräche Aktienspekulation einer einfachen Pferdewette: Welches Unternehmen hat bei der Jahresdividende die Nase vorn?


Tatsächlich entspricht die Aktienspekulation einer (Meta)-Wette auf das Wettverhalten aller anderen oder bestimmt sich der Wert einer Aktie und das „Bedürfnis“ nach ihr nach dem angenommenen „Bedürfnis“ aller anderen. Mögliche Kursverluste oder –gewinne der Aktie auf Grund des allgemeinen Wettverhaltens stellen alle Möglichkeiten des Dividendengewinns in den Schatten.


Übertragen auf die „Realwirtschaft“ bedeutet das: Ob der Kauf von Waren und Dienstleitungen nun dazu dient, sich vermeintlich exklusiv von anderen abzuheben oder die anderen nachzuahmen – das Bedürfnis nach ihnen ist (allen Beteuerungen zum Trotz) nie unmittelbar, sondern stets – positiv oder negativ - von der Beobachtung anderer abgeleitet.


Während traditionell geprägte Gesellschaften den gegenseitigen Vergleich aus Gründen des sozialen Friedens tabuisiert hatten und Bescheidung predigten, forciert das moderne Wirtschaftssystem via sozialer und sonstiger Medien den materiellen Vergleich der Individuen und die daraus resultierende Kauflust als Antriebskraft der wirtschaftlichen Entwicklung.


Die Vorstellung moderner Wirtschaftssysteme als eines rationalen Projekts, das mit der endgültigen Befreiung des Menschen von „materiellen Bedürfnissen“ enden wird, erweist sich somit wie der überwiegende Teil der Wirtschaftswissenschaft selbst als Rechtfertigungsideologie. Nicht irgendwelche Fehler eines grundsätzlich rationalen Projekts, sondern die ambivalenten Eigenschaften des Menschen als soziales Wesen sind sowohl für die „positive“ Entwicklung des Kapitalismus wie für seine sozialen und umweltpolitischen Folgen verantwortlich.


Es ist Zeit für eine realistische Wirtschaftswissenschaft und einen skeptischen „Humanismus“, der sich nicht in Jubelarien über die Möglichkeiten menschlicher Vernunft erschöpft.

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