Was ist MMT?

Jeden Freitag veröffentlichen wir einen kurzen Beitrag von Randall Wray, der schrittweise eine umfassende Theorie aufbaut, wie Geld in souveränen Ländern "funktioniert". Die Beitragsserie entstammt der Einführung in die "Modern Monetary Theory" (MMT) von Randall Wray aus dem Jahre 2011 auf der Website „New Economic Perspectives“ und wurde von Michael Paetz und Robin Heber ins Deutsche übersetzt. Zudem wird Vorstandsmitglied Dirk Ehnts jeden Freitagabend von 19-20 Uhr auf Facebook Fragen zum Beitrag der Woche beantworten. Ihr könnt uns natürlich auch gerne Fragen über das Emailformular (unten auf dieser Seite) schicken.

Von L. Randall Wray


Wir haben (glaube ich) etwas mehr als die Hälfte der modernen Geldeinführung geschafft. Wir sollten in der Lage sein, sie bis zum nächsten Sommer abzuschließen.


Sie wundern sich vielleicht: Ist dies nicht ein seltsamer Zeitpunkt, um die Frage zu stellen: "Was ist die moderne Geldtheorie?“ Ja, in gewisser Weise schon. In der vergangenen Woche gab es jedoch einige wirklich außergewöhnliche Berichte in populären Medien, welche die Modern Monetary Theory herausposaunten.


Das Magazin „The Economist“ veröffentlichte einen wichtigen Beitrag, „Die Heterodoxe Volkswirtschaftslehre - Marginale Revolutionäre“: Die Krise und die Blogosphäre haben die Mainstream-Wirtschaftslehre angreifbar gemacht. Von den drei heterodoxen Ansätzen, die diskutiert wurden, war einer die "neo-chartalistische" oder "moderne Geldtheorie". Sowohl Warren Mosler als auch UMKC (University of Missouri–Kansas City) wurden erwähnt; es gab tatsächlich sogar zwei Karikaturen mit Warren, die die Geschichte schmückten.


Darüber hinaus hat John Carney bei CNBC eine Reihe von Beiträgen veröffentlicht, die sich mit MMT befassen. Dieser ist besonders gut: MMT, NGDP und die österreichische Schule.Und hier ist ein Link zu seinem vorherigen Beitrag: Link.


Darüber hinaus gehen die Debatten über MMT in der Blogosphäre weiter, auch auf dem Blog von Cullen Roche: Der fundamentale Unterschied zwischen der österreichischen Schule und MMT. Und hier noch ein wirklich ausgezeichneter Beitrag auf Bill Mitchells Billyblog. Bills Beitrag führte zu einem kleinen Streit darüber, was eigentlich zu MMT gehört - mit Cullen, der argumentierte, dass die Jobgarantie keine Komponente sein kann, während Bill darauf bestand, dass sie eine sein muss. Warren hat sich auf Bills Seite gestellt und sehr überzeugende Kommentare geschrieben, in denen er argumentiert, dass wir den Preisanker brauchen.


In dieser Einführung werden wir später noch zur Arbeitsplatzgarantie kommen, deshalb möchte ich das heute nicht diskutieren. Aber die von Cullen vorgebrachten Argumente haben zwei Fragen aufgeworfen: Was gehört zur MMT? Und woher kommt der Name "Moderne Geldtheorie"? Tatsächlich wurde Stephanie Kelton diese zweite Frage gestellt und Sie hat ein wenig nachgeforscht. Um ehrlich zu sein, wir sind nicht sicher.


Mein Buch von 1998 trug den Titel "Understanding Modern Money" (Modernes Geld verstehen). Als ich das Buch schrieb, hatte es einen viel langweiligeren Arbeitstitel, und ich bat Mat Forstater und Warren, mir etwas Eingängigeres auszudenken. Wir warfen mit vielen Ideen um uns und lehnten sie alle ab. Ich hatte in dem Manuskript ein Zitat von Keynes, das ich liebe und welches besagt, dass der Staat die monetäre Recheneinheit benennt und bestimmt, was als Zahlungsmittel akzeptiert wird, und dass er dies "seit mindestens viertausend Jahren" tut. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, den Begriff "modernes Geld" nur für Geldsysteme zu verwenden, die seit "mindestens viertausend Jahren" bestehen. Welche Art von Geld es auch immer vorher gegeben haben mag, können wir nicht sicher wissen. Aber zumindest in den letzten 4000 Jahren hatten wir Staatsgeld - das heißt, modernes Geld. Daher rührte der Buchtitel.


In den ersten Jahren neigte ich dazu, unseren Ansatz als Staatsgeld-Ansatz zu bezeichnen; vielleicht habe ich auch den Begriff chartalistisch verwendet. Dieser leitete sich aus dem Werk von Knapp ab, dem Keynes in seiner Abhandlung über das Geld (1930) folgte. Dies wurde häufig nach Schumpeter als ein Ansatz des "Gesetzes über das gesetzliche Zahlungsmittel" fehlinterpretiert - eine Position, die von Knapp und Keynes klar zurückgewiesen wurde. Sowohl Keynes als auch Schumpeter wussten, dass es mehr sein musste als ein Gesetz über das gesetzliche Zahlungsmittel. Aber das ist etwas für einen anderen Beitrag.


Später erhielt unser Ansatz den Namen "neo-chartalistisch" - was meiner Meinung nach irgendwie abfällig sein sollte. Nachdem einige von uns zum UMKC umgezogen waren, begann man ihn "Kansas-City-Ansatz" zu nennen. Das war natürlich irreführend, denn unser Schwesterzentrum befand sich unter der Leitung von Bill Mitchell in Newcastle. Zudem ignorierte man so auch die Arbeit von Charles Goodhart im Vereinigten Königreich. Zu dieser Zeit arbeiteten bereits viele andere Leute an diesem Ansatz, die über das ganze Land und sogar über die ganze Welt verteilt waren.


Auf jeden Fall bekam der Ansatz dann irgendwie den Namen Moderne Geldtheorie. Wir glauben, dass genau diese Worte das erste Mal in einem Kommentar zu Bills Blog im Jahr 2007 verwendet wurden; wenn jemand diesen Kommentar (oder eine frühere Verwendung finden sollte), dann schickt ihn mir bitte mit. Es sieht auch so aus, als hätte Bill den Begriff "moderne Geldtheorie" 2008 in einer wissenschaftlichen Arbeit verwendet.


Ich beschloss, einen Blick zurück auf meine eigenen Powerpoints zu werfen, um zu sehen, wie sich meine Darstellungen des Ansatzes entwickelt haben. Ich werde im Folgenden drei Präsentationen zeigen. Es ist ein wenig unangenehm ist, sich diese anzusehen. Aber denken Sie daran, dass Powerpoint im Jahr 2005 eine neue Technologie war! Und ich bin immer noch kein Konkurrent für Steve Keen.


Die erste Präsentation trägt den Titel „THE CREDIT MONEY, STATE MONEY, AND ENDOGENOUS MONEY APPROACHES“ und stammt aus einer Reihe von Vorträgen, die ich im Mai 2005 für einen kurzen Kurs an der UNAM in Mexiko-Stadt gehalten habe.



Wie auf der ersten Folie vermerkt, bestand der Hauptzweck des Vortrags darin, "die Verbindungen zwischen Staat, Kredit und endogenem Geld aufzuzeigen, nachdem zunächst das Wesen des Geldes mittels historischer und soziologischer Analyse diskutiert wurde". "Der Kreditansatz verortet den Ursprung des Geldes in Kredit- und Schuldenbeziehungen..." Auf der anderen Seite hebt der Ansatz des Staatsgeldes "die Rolle hervor, die die "Behörden" bei der Entstehung und Entwicklung des Geldes gespielt haben. Der Staat erlegt eine Verbindlichkeit in Form einer verallgemeinerten, sozialen Recheneinheit auf - ein Geld - zur Messung von Verpflichtungen. Sobald die Behörden solche Verpflichtungen erheben können, können sie benennen, was diese Verpflichtung erfüllt, indem sie die Dinge benennen, die geliefert werden können, mit anderen Worten, indem sie den Preis dafür festsetzen. Und schließlich besteht der endogene Geldansatz aus vier Hauptkomponenten. "1. Geld ist "endogen": Kredite schaffen Einlagen, die Kreditgeld darstellen. 2. Reserven sind "horizontal", nicht diskretionär. 3. Die Zinssätze für Übernacht-Zinskredite der Banken sind "exogen" durch die Politik festgelegt. 4. Das Banking School Reflux-Prinzip: Einlagen kehren an die Banken zurück, um Kredite zu tilgen, wodurch Geld vernichtet wird. Ähnlich dem "Grundgesetz des Kredits" von Innes: Der Gläubiger/Emittent muss seine eigenen Verbindlichkeiten übernehmen, um Schulden des Schuldners zu tilgen. "Überschüssiges Geld" ist nicht möglich."


Der Vortrag schließt mit dem Integrationsversuch (sorry, etwas lang): "Der Staat wählt die Recheneinheit, auf die die verschiedenen Geldsachen lauten sollen. In allen modernen Volkswirtschaften tut er dies, wenn er die Einheit auswählt, auf die die Steuern lauten, und nennt, was bei Steuerzahlungen akzeptiert wird. Die Auferlegung der Steuerschuld ist es, die diese Geldsachen überhaupt erst begehrenswert macht, und diese Dinge werden dann zum Geld-Ding an der Spitze der "Geldpyramide" (hochwertiges Geld), das für die endgültige Abrechnung verwendet wird. Der Staat stellt dann in seinen eigenen Zahlungen hochwertiges Geld aus - in der modernen Wirtschaft durch Gutschrift auf Bankreserven und in den Banken auf Kreditkonten ihrer Einleger. Die meisten Transaktionen, an denen der Staat nicht beteiligt ist, erfolgen auf der Grundlage von Krediten und Lastschriften, d.h. von privat ausgegebenem Kreditgeld. Dies kann man sich als eine Nutzung dieses Geldes vorstellen, die für das endgültige Clearing verwendet wird. In allen modernen Geldsystemen strebt die Zentralbank einen Tagesgeldsatz an, indem sie dem Bankensektor hochwertiges Geld auf Verlangen ("horizontal") zur Verfügung stellt (oder es aus dem Bankensektor abzieht, wenn Überschussreserven vorhanden sind), um ihr Ziel zu erreichen. Es besteht eine wichtige hierarchische Beziehung im Schulden-/Kreditsystem, wobei die Macht - insbesondere in Form der Befehlsgewalt über die Ressourcen der Gesellschaft - der Hierarchie zugrunde liegt und sich von ihr ableitet. Die Fähigkeit, Verbindlichkeiten aufzuerlegen, die Recheneinheit zu benennen und das Geld auszugeben, mit dem diese Verbindlichkeiten zurückgezahlt werden, verleiht der Autorität die Macht, die zur Förderung des sozialen Gutes eingesetzt werden kann. "Es wird zwar allgemein angenommen, dass Steuern für die Tätigkeit der Regierung "bezahlen", aber in Wirklichkeit erzeugen Verpflichtungen, die auf eine Recheneinheit lauten, eine Nachfrage nach Geld, die es der Gesellschaft wiederum ermöglicht, die soziale Produktion durch ein Währungssystem nominaler Preise zu organisieren. Ein großer Teil der öffentlichen Produktion wird durch die Ausgabe von Staatsgeld durch den Kauf von Staatsgeldern geleistet. Ein großer Teil der Aktivitäten des privaten Sektors wiederum erfolgt in Form von "monetärer Produktion", oder M-C-M' wie Marx es ausdrückte, d.h. um "mehr Geld" zu realisieren. Da Geld für diese Produktionsprozesse grundlegend ist, kann es nicht neutral sein. Tatsächlich trägt es zur Schaffung und Entwicklung einer "Logik" für die Funktionsweise eines kapitalistischen Systems bei, indem es die Einbettung der Wirtschaft weitgehend "entfesselt". Gleichzeitig können viele der sozialen Beziehungen hinter dem Schleier des Geldes verborgen sein und sind es auch. Am problematischsten wird dies im Hinblick auf Missverständnisse über die Staatshaushalte, wo der Geldschleier das Potenzial verbirgt, das Geldsystem im öffentlichen Interesse zu nutzen".


Nun, ich denke, die Leser dieser Einführung werden viele Themen erkennen, die wir bereits behandelt haben, und wir werden in den kommenden Wochen diejenigen durchgehen, die uns noch nicht vertraut sind. Es gibt nicht viel, was ich an diesem Abschnitt ändern würde.


Die zweite Präsentation, die ich zeigen möchte, trägt den Titel "MODERN MONEY AND FUNCTIONAL FINANCE" aus einem Vortrag (erneut) an der UNAM im Mai 2007.



Es enthält einige schicke Bilder, die ich im Internet heruntergeladen habe, und wiederholt viele der oben genannten Themen. Worauf ich hinweisen möchte, ist die einleitende Folie: "Der Staatsgeld-Ansatz wird mit Knapp, Keynes und Lerner verbunden, während Kreditgeld mit Innes und Schumpeter assoziiert wird, und lockerer mit dem Kreislaufansatz (Circuit Theory) und endogenem Geld. Der funktionale Finanzansatz (Functional Finance) wird mit Lerner verbunden.


Modernes Geld = endogenes Geld + Staatsgeld + Kreditgeld + funktionaler Finanzierungsansatz"


Dies war die erste Folie, die ich finden konnte, auf der ich eine "Gleichung" aufschrieb, in der ich auflistete, was ich für die grundlegenden Komponenten meines Ansatzes des "modernen Geldes" hielt. Es gibt eine spätere Folie, die die verschiedenen "heterodoxen" Denkschulen auflistet, aus denen sich mein Ansatz ableitet (inkl. wichtiger Punkte der Schulen):


  • Marx, Keynes, Veblen: M-C-M'; MTP; Theorie des Unternehmens

  • Institutionalisten: M ist eng mit Macht verbunden: man kann Gutes und Böses tun; vielleicht das Wichtigste in einer kapitalistischen Wirtschaft.

  • Postkeynesianer: Geld und Unsicherheit; Geld und Verträge; Geldhaltung

  • Chartalisten: Staatsgeld, verbunden mit Souveränität

  • Funktionale Finanzierung: Ausgaben von Staatsgeld und Regierung


Die Abschlusspräsentation stammt von einem Panel der „Association for Institutionalist Thought“ aus dem April 2008, zum Thema "wie man Wirtschaft lehrt". In meiner Präsentation ging es darum, wie man Geld lehren kann.



Worauf ich hinweisen möchte, ist der Zusatz, den ich zu der soeben vorgestellten Folie gemacht hatte:

  • Marx, Keynes, Veblen: M-C-M'; MTP; Theorie des Unternehmens

  • Institutionalisten: M ist eng mit Macht verbunden: man kann Gutes und Böses tun; vielleicht das Wichtigste in einer kapitalistischen Wirtschaft.

  • Postkeynesianer: Geld und Unsicherheit; Geld und Verträge; Geldhaltung

  • Chartalisten: Staatsgeld, verbunden mit Souveränität

  • Funktionale Finanzierung: Ausgaben von Staatsgeld und Regierung

  • ZUSAMMEN: MODERNES GELD


Mit anderen Worten, mein Argument damals - und heute - ist, dass der Ansatz des modernen Geldes alle diese Ansätze in eine kohärente Theorie der Art und Weise integriert, wie Geld in der modernen Wirtschaft "funktioniert".


Ein Großteil der neuen Wege, die MMT beschritten hat, konzentrierte sich darauf, eine genaue Beschreibung dessen zu liefern, was wir "monetäre Operationen" nennen - einschließlich der Koordination zwischen der Zentralbank und dem Finanzministerium, mit besonderem Schwerpunkt auf der Beschreibung dessen, wie "die Regierung wirklich Ausgaben tätigt". Wir haben aus zwei Gründen einen Großteil unserer Zeit damit verbracht: Erstens hat dies noch vor zwei oder drei Jahren fast niemand verstanden. Zweitens ist es wichtig, wirklich wichtig, um eine vernünftige Politik zu betreiben.


Und als eine präzise Beschreibung sollte dieser Teil der MMT von jedem akzeptiert werden, unabhängig von seiner theoretischen, politischen oder ideologischen Überzeugung. Ironischerweise ist es gerade diese Beschreibung, die vehement angegriffen wurde, obwohl niemand, und ich meine niemand, irgendwelche Löcher in der Argumentation gefunden hat.


Aber MMT ist viel mehr, zumindest meiner Ansicht nach.

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