Schuldscheine der Regierung und des Privatsektors

Jeden Freitag veröffentlichen wir einen kurzen Beitrag von Randall Wray, der schrittweise eine umfassende Theorie aufbaut, wie Geld in souveränen Ländern "funktioniert". Die Beitragsserie entstammt der Einführung in die "Modern Monetary Theory" (MMT) von Randall Wray aus dem Jahre 2011 auf der Website „New Economic Perspectives“ und wurde von Michael Paetz und Robin Heber ins Deutsche übersetzt. Zudem wird Vorstandsmitglied Dirk Ehnts jeden Freitagabend von 19-20 Uhr auf Facebook Fragen zum Beitrag der Woche beantworten. Ihr könnt uns natürlich auch gerne Fragen über das Emailformular (unten auf dieser Seite) schicken.

Von L. Randall Wray


In den vergangenen zwei Wochen haben wir uns mit dem sogenannten Warengeld, das aus Edelmetallmünzen besteht, ein wenig abgelenkt. Wir haben auch kurz über den Goldstandard gesprochen. Ich erklärte, dass selbst bei einem Goldstandard die Währung in Wirklichkeit ein durch Steuern abgesicherter Schuldschein der Regierung ist. Das gilt auch dann, wenn der Staat den Schuldschein auf eine Goldmünze stempelt. Diese Edelmetallmünzen waren also in Wirklichkeit das, was oft als "Fiat Money" verspottet wird. Die typische Trennung zwischen "Fiat-Geld", das durch "nichts" gedeckt wird und einem "Hartgeld" oder "Warengeld", das Gold oder Silber Wert ist, ist in Wirklichkeit falsch. Alle "modernen" Geld-Systeme (dies gilt, wie Keynes es ausdrückte, zumindest für die letzten 4000 Jahre) sind staatliche Geldsysteme, in denen der Herrscher oder die (gewählte) Regierung eine Recheneinheit festlegt und den Untertanen bzw. Bürgern dann in dieser Einheit Steuerschulden auferlegt. Daraufhin kann der Herrscher/die Regierung eine Währung ausgeben, mit der die zuvor auferlegten Steuern gezahlt werden können.

In der Einleitung zu dieser Einführungsreihe hatte ich versprochen, nicht zu tief in historische Details einzusteigen. Erstens, weil es vornehmlich darum geht zu erklären, wie Geld heute funktioniert und zweitens, weil Erzählungen aus der Vergangenheit im Laufe der Zeit immer mehr verschwimmen (im "Nebel der Zeit", wie Keynes zu sagen pflegte). Ich hielt es jedoch für notwendig die Funktionsweise des Systems des Goldstandards und der Metallmünzen (so gut wir es nachvollziehen können) zu erklären. Denn es zeigt, dass diejenigen die "Fiat-Money"-Systeme für etwas seltsames, unnatürliches oder für ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit halten, hier ziemlich danebenliegen. Die Regierungen in der Vergangenheit oder auch der Gegenwart konnten bzw. können sich sozusagen die Hände fesseln, indem sie ihre Währungen an Edelmetall oder Fremdwährungen binden. Systeme fester Wechselkurse stellen einen Extremfall aller möglichen Ausprägungen modernen Geldes dar. Sie sind Folge einer politischen Entscheidung. Sie stellen jedoch keineswegs die "natürliche" Variante dar. Sie schränken den fiskalpolitischen Spielraum stark ein – auf eine Art und Weise, die wir später in dieser Einführungsreihe noch weiter diskutieren werden. Die USA und andere souveräne Länder könnten sich ebenfalls jederzeit dafür entscheiden, ihre Politik auf diese Weise einzuschränken. Dennoch würden sie dadurch nicht zu einer mythischen, utopischen Vergangenheit mit einem natürlichen, sich selbst regulierenden Warengeld zurückkehren. In Wahrheit bringen inländische Systeme fester Wechselkurse in der Regel mehr Probleme mit sich, als dass sie welche lösen und sind in der Regel von kurzer Dauer. Und den internationalen Systemen fester Wechselkurse - wie dem Pfund Sterling-System oder dem Bretton-Woods-System - erging es nicht besser.

Diese Woche kehren wir zu unserer eigentlichen Analyse, der Funktionsweise des heutigen Währungssystems zurück und untersuchen die verschiedenen Schuldscheine, die in der staatlichen Recheneinheit notiert werden.

Schuldscheine in Landeswährung: Regierung


In früheren Beiträgen haben wir festgestellt, dass Aktiva und Passiva auf eine Währungseinheit lauten, die von einer nationalen Regierung bestimmt und durch den Mechanismus der Besteuerung in Kraft gesetzt wird. Bei einem schwankenden Wechselkurs sind die eigenen Schuldscheine - die Währung der Regierung - nicht konvertierbar in dem Sinne, dass die Regierung kein Versprechen darüber abgibt, sie in Edelmetall, in Fremdwährung oder in etwas anderes umzuwandeln. Stattdessen verspricht die Regierung lediglich, ihre eigenen Schuldscheine in Zahlungen an sich selbst zu akzeptieren (hauptsächlich Steuerzahlungen, aber auch Zahlungen von Gebühren und Geldstrafen). Dies ist das notwendige und grundlegende Versprechen: Der Emittent eines Schuldscheins muss diesen Schuldschein bei Zahlungen an sich selbst akzeptieren. Solange die Regierung sich bereit erklärt, ihre eigenen Schuldscheine bei Steuerzahlungen zu akzeptieren, werden die Schuldscheine der Regierung von den steuerpflichtigen Leuten stark nachgefragt sein (zumindest für Steuerzahlungen und wahrscheinlich auch für andere Zwecke).

Wenn die Regierung andererseits verspricht, ihre Schuldscheine auf Anfrage zu konvertieren (in Fremdwährung oder Edelmetall), haben die Inhaber von Verbindlichkeiten der Regierung die Möglichkeit, die Konvertierung zu verlangen. Dies könnte in einigen Fällen die Akzeptanz der Regierungswährung sogar erhöhen. Gleichzeitig verpflichtet dies die Regierung zur ständigen Konvertierung der Währung auf Verlangen der Schuldner bzw. Halter der Währung - was, wie bereits erwähnt, voraussetzt, dass sie über Reserven der Fremdwährung oder des Edelmetalls, in die sie zu konvertieren verspricht, auch tatsächlich verfügt.

Durch die Konvertierbarkeit ist die Regierung ironischerweise in der Lage, die Akzeptanz ihrer Währung zu erhöhen. Aber sie weiß auch, dass eine zunehmende Herausgabe der Währung die Gefahr mit sich bringt, dass sie der Umtauschnachfrage nicht nachkommen kann. Aus diesem Grund weiß die Regierung, dass sie die Ausgabe einer konvertierbaren Währung einschränken sollte. Sollten die Besitzer der Währung anfangen zu zweifeln, dass die Regierung jederzeit in der Lage ist einen Umtausch zu gewährleisten , ist das Spiel vorbei. Es sei denn, die Regierung hat ausreichenden Zugang zu ausländischer Währung oder Edelmetallvorräten (entweder aus dem eigenen Bestand oder durch Kreditaufnahme). Ist dies nicht der Fall, kann sie gezwungen sein, ihr Versprechen zur Konvertierung zu brechen. Jeder Hinweis darauf, dass ein Zahlungsverzug unmittelbar bevorsteht, wird dazu führen, dass immer mehr Menschen die Währung tauschen wollen. In diesem Fall kann die Regierung einen Zahlungsausfall nur vermeiden, indem die eigene Währung zu 100% mit Reserven der ausländischen Währung (oder des Edelmetalls) unterlegt ist (oder durch den Zugang zu Kreditgebern).

Wir wiederholen, dass Konvertibilität nicht notwendig ist, um (zumindest eine gewisse, vielleicht begrenzte) Nachfrage nach der einheimischen Währung sicherzustellen. Wie oben erklärt, kann die Regierung, solange sie Steuern erheben und eintreiben kann, zumindest eine gewisse Nachfrage nach einer nicht konvertierbaren Währung sicherstellen. Alles, was sie tun muss, ist darauf zu bestehen, dass die Steuern in ihrer eigenen Währung gezahlt werden. Dieses "Versprechen, die Steuerzahlung zu akzeptieren" reicht aus, um eine Nachfrage nach der Währung zu schaffen: Steuern sichern die Akzeptanz der Währung.

Private Schuldscheine in Landeswährung


In ähnlicher Weise versprechen auch private Herausgeber von Schuldscheinen, ihre eigenen Verbindlichkeiten zurückzunehmen. Wenn ein Haushalt zum Beispiel einen Kredit bei seiner Bank hat, kann er immer den Tilgungsanteil und die Zinsen des Kredits bezahlen, indem er einen Scheck auf sein Bankkonto bei der Bank ausstellt. In der Tat verfügen alle modernen Bankensysteme über eine Scheckverrechnungsmöglichkeit, so dass jede Bank Schecks akzeptiert, die auf alle anderen Banken im Land gezogen wurden. Dies ermöglicht es jedem, der eine Schuld gegenüber einer Bank im Land hat, einen Scheck gegen eine andere Bank im Land vorzulegen, um seine Schuld zu begleichen. Die Scheckverrechnungsstelle rechnet dann die Konten zwischen den Banken ab. Der wichtige Punkt ist, dass die Banken ihre eigenen Verbindlichkeiten (auf Einlagen ausgestellte Schecks) bei der Rückzahlung von Bankschulden (aufgrund von Bankkrediten) akzeptieren, so wie Regierungen ihre eigenen Verbindlichkeiten (Währung) bei Zahlungen von Schulden gegenüber der Regierung (Steuerverbindlichkeiten) akzeptieren.

Leveraging (Hebelwirkung)


Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen Regierung und Banken. Banken versprechen häufig, ihre Verbindlichkeiten umzuwandeln. Sie können Ihrer Bank einen Scheck zur Auszahlung von Währung vorlegen, was normalerweise als "Scheckeinlösung" bezeichnet wird, oder Sie können einfach Bargeld am Geldautomaten (ATM) von einem Ihrer Bankkonten abheben. In beiden Fällen wird der Schuldschein der Bank in einen staatlichen Schuldschein umgewandelt. Die Banken versprechen i.d.R., diese Umwandlungen entweder "auf Anforderung" (im Falle von "Sichteinlagen", bei denen es sich um normale Girokonten handelt) oder nach einer bestimmten Zeitspanne vorzunehmen (im Falle von "Festgeldern", einschließlich Sparkonten und Einlagenzertifikaten - möglicherweise mit einer Strafe für vorzeitige Abhebungen).

Die Banken halten in ihren Tresoren einen relativ kleinen Geldbetrag zur Abwicklung dieser Umwandlungen; wenn sie mehr benötigen, bitten sie die Zentralbank, einen gepanzerten Lastwagen zu schicken. Banken wollen nicht viel Bargeld vorrätig halten, und das müssen sie unter normalen Umständen auch nicht. Viel Bargeld könnte die Attraktivität für Bankräuber erhöhen, aber der Hauptgrund für die Minimierung der Bestände liegt darin, dass es kostspielig ist, Bargeld zu halten. Die offensichtlichsten Kosten sind der Tresorraum und die Sicherheitsbeamten, wichtiger für die Banken ist jedoch, dass das Halten von Währungsreserven keine Gewinne abwirft. Banken würden lieber Kredite als Vermögenswerte halten, weil die Schuldner für diese Kredite Zinsen zahlen. Aus diesem Grund hebeln Banken ihre Währungsreserven, indem sie einen sehr kleinen Teil ihres Vermögens in Form von Reserven gegen ihre Einlagenverbindlichkeiten halten.

Solange nur ein kleiner Prozentsatz ihrer Einleger an einem bestimmten Tag, Einlagen in Bargeld umwandeln möchte, ist dies kein Problem. Im Falle eines „Bank-Runs“, bei dem eine große Anzahl von Einlegern versucht, am selben Tag Bargeld abzuheben, muss sich die Bank jedoch bei der Zentralbank Währung beschaffen. Dies kann sogar dazu führen, dass die Zentralbank als Kreditgeber der letzten Instanz agieren muss ("Lender of last resort"), die einer Bank, die vor einem Run steht, Währungsreserven leiht. Bei einer solchen Intervention tauschen Zentralbank und Banken ihre Schuldscheine gegenseitig - die Bank erhält von der Zentralbank einen Reservekredit (ein Vermögenswert für die Bank) und die Zentralbank erhält den Schuldschein der Bank als Vermögenswert. Wenn Bargeld von der Bank abgehoben wird, werden ihre Reserveguthaben bei der Zentralbank belastet, und die Bank belastet das Konto des Einlegers bei der Bank. Das vom Einleger gehaltene Bargeld ist die Verbindlichkeit der Zentralbank, ausgeglichen durch die Verbindlichkeit der Bank gegenüber der Zentralbank.

Nächste Woche werden wir beginnen, die Art und Weise zu untersuchen, wie die Banken Konten unter sich abrechnen, indem sie Zentralbankreserven verwenden. Dies führt auch zu einer Diskussion über die "Pyramidenbildung": In modernen Volkswirtschaften, die Verbindlichkeiten hebeln, ist es üblich, die eigenen Schuldverschreibungen in diejenigen umzuwandeln, die in der Schuldenpyramide über ihnen stehen. Letzten Endes führen alle Wege zurück zur Zentralbank.

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