Joseph Stiglitz - The Euro: how a common currency threatens the future of Europe


Das neue Buch von Joseph Stiglitz, der sich in den letzten beiden Büchern weitestgehend mit Ungleichheit beschäftigte, handelt vom Euro. Die gemeinsame Währung, so der Untertitel, bedroht die Zukunft Europas. Während das Buch in der Analyse keine Fortschritte bietet, sind die Reformvorschläge interessant: Euro 2.0 oder Austritt, das sind die Alternativen. Zudem stimmt Stiglitz nun in wesentlichen Punkten der Modern Monetary Theory zu, wenn man seine theoretischen Ausführungen genau liest.


Joseph Stiglitz ist neben Paul Krugman der wohl weltweit bekannteste zeitgenössische Ökonom, und seine Bücher haben Gewicht. Das Thema seines neuen Buchs dürfte den LeserInnen bekannt vorkommen: die Euro-Krise. Was wir Europäer seit spätestens 2010 in sehr unterschiedlicher Art und Weise durchlitten haben wird hier aus der Vogelperspektive noch einmal nachvollzogen.


Der Euro: von Anfang an eine schlechte Idee


Stiglitz kommt zu der Schlußfolgerung, dass der Euro ein Problem darstellt. Die Währung kann nicht funktionieren, da es keinen fiskalischen Mechanismus gibt, der das Währungssystem stablisieren würde. Innerhalb der Eurozone würden Kreditblasen und Exportüberschüsse und Exportdefizite dafür sorgen, dass die Nachfrage in den Mitgliedsländern unterschiedlich ist. Daher ist auch eine Geldpolitik mit einem Zins für alle Länder unter gleichzeitiger Beschränkung der Fiskalpolitik keine gute Idee. Dies war übrigens schon vor der Einführung des Euro die Meinung der meisten US-ÖkonomInnen. Ebenso lehnten die ÖkonomInnen in Schweden und Großbritannien den Euro ab, weil sie ihn als nicht ausgegoren betrachteten (vgl. Godley 1992; Link). Auch in Deutschland wurde der Euro von vielen kritisch gesehen, nur wurde hier gedacht, dass die fehlenden Institutionen später eingebaut werden würden – die sogenannte “Krönungstheorie”.


Sparen, Sparen, Sparen - führt nicht zu höherer Ersparnis!


Stiglitz kritisiert zudem die Sparpolitik, die den Krisenländern Staatsausgabenkürzungen bescherte, die aber auch zu Einbrüchen der Steuereinnahmen führten. Mehr gespart haben die Länder am Ende nicht, stattdessen wurden soziale Probleme geschaffen - insofern ist die Politik komplett fehlgeschlagen. Während die USA und der Rest der Welt wieder wuchsen, verharrten die Europäer in der selbstgemachten Dauerkrise. Nur die steigenden Exporte der Eurozone hielten die Wachstumsraten überhaupt im akzeptablen Bereich, allerdings auf Kosten des Rests der Welt. Die Eurozone exportiert Arbeitslosigkeit, da sie mehr Güter und Dienstleistungen exportiert als importiert. Europa wird zum Problem der Weltwirtschaft, und in Deutschland sitzt ein in volkswirtschaftlichen Dingen anscheinend völlig unbedarfter Finanzminister im Sessel, wie Heiner Flassbeck kürzlich beschrieb (Link).


Vom Neu-Keynesianismus zur Modern Monetary Theory


Vor der Diskussion der weiteren Lösungsvorschläge möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Stiglitz sich auf theoretischer Ebene gewandelt hat. Während Neu-Keynesianer, wie u. a. Paul Krugman, davon ausgehen, dass der Staat sich nur bei Nullzinsen ohne Risiko verschulden kann und dass Banken die Einlagen von Sparern als Kredite weitergeben, sind die meisten AutorInnen von Makroskop der Meinung, dass Staaten generell nicht Pleite gehen können, sofern sie sich in eigener Währung verschulden und die Zentralbank nicht ihre eigene Regierung sabotiert. Zudem wird unser Giralgeld von den Banken quasi aus dem Nichts geschöpft, nicht jedoch aus Ersparnissen erzeugt.  (Die Textstellen im Original finden sich auf den S. 277 und S. 284.)


Ähnlich wie Keynes in seiner Allgemeinen Theorie von 1936 ist bei Stiglitz das Denkgebäude noch weitgehend neoklassisch, was insbesondere die Diskussion von makroökonomischen Ungleichgewichten zeigt. Deutschland, so Stiglitz, hat die Ungleichgewichte durch seine Lohndrückerei erzeugt. Die Rolle der kreditfinanzierten Immobilienblasen in Irland und Spanien kommt auch vor, allerdings müssten diese beiden Faktoren in einen Zusammenhang gebracht werden. Die Lohndrückerei Deutschlands war nur "erfolgreich", weil andere Länder gerade genug Geld erzeugt hatten, um die deutschen Produkte zu kaufen, die sich die Deutschen selbst nicht leisten konnten.


Eurozone 2.0  - die Reformvorschläge


Stiglitz hat gleich eine ganze Reihe von Reformvorschlägen, die dann jeweils noch Unterpunkte haben. Ich zähle insgesamt etwa zwanzig Vorschläge zu Institutionen und Wirtschaftspolitik. Die wichtigsten sind wohl die "banking union", die momentan schon von der EU in Angriff genommen wird, die Vergemeinschaftung eines Teils der Schulden und die Umwandlung des Selbstmordpaktes von Maastricht in einen echten Stabilitäts- und Wachstumspakt. Dazu sollen Leistungsbilnazungleichgewichte abgebaut werden und die EZB ein neues Mandat bekommen, was auch Wachstums und Vollbeschäftigung beinhaltet. Auch das Finanzsystem soll reformiert werden, damit es wieder dem öffentlichen Wohl dient. Die meisten dieser Vorschläge wurden bereits diskutiert, daher gehe ich nicht weiter auf sie ein.


Die "freundschaftliche Scheidung"


Spannender sind die Ideen um eine "freundschaftliche Scheidung", einen Austritt aus dem Euro zum Vorteile aller Beteiligten. Hierbei geht es um die Frage, wie ein Land nach dem €xit zurück zu mehr Wohlstand findet. Stiglitz verschafft der Idee eines Lexit, eines "left exit", um Europa dann neu wieder aufbauen zu können, etwas Rückenwind. Auch der "Grexit", ein Austritt aus rein wirtschaftlichen Gründen, wird so wieder angeregt. Die Ideen sind ein ziemlich wildes Sammelsurium und sind aus unterschiedlichen theoretischen Schulen entnommen. Stiglitz argumentiert u. a. für die Einführung von digitalem Geld, was etwas seltsam anmutet: haben wir dies nicht schon? Ja, aber: Stiglitz will auf Bargeld verzichten. So blieben die Einlagen in den Banken im Inland und könnten nicht abfließen.


Diese Idee klingt erstmal ganz gut, basiert aber auf einem irregeleiteten Glauben an internationale Kapitalflüsse. Kapital oder Geld fließt gar nicht ab, wenn ein Inländer etwas aus dem Ausland kauft! Der wirkliche Prozess über den Interbankenmarkt ist etwas kompliziert, endet aber damit, dass die inländische Bank weniger Zentralbankgeld hält und die ausländische mehr. Dabei wird das Zentralbankgeld nicht ins Ausland verschickt, sondern entweder hält jetzt die ausländische Bank mehr inländisches Zentralbankgeld oder die inländische Bank weniger "ausländisches" Zentralbankgeld. Das klingt kompliziert, heißt aber nur, dass bereits heute das Zentralbankgeld normalerweise nicht ins Ausland abfließt, sollten in einer Ökonomie die Importe über den Exporten liegen.


Globale Ungleichgewichte und "Kapitalflüsse"


So haben beispielsweise die US-Amerikaner zuletzt sehr viel aus China importiert und konsumiert, was entsprechende chinesische Guthaben bei der US-amerikanischen Zentralbank erzeugt hat. Diese Guthaben hatten die Chinesen dann in US-Staatsanleihen angelegt. Sowohl das Zentralbankgeld wie auch die US-Staatsanleihen befinden sich aber in den USA bzw. in deren Bankensystem. Die Chinesen hätten auch Hunderte von Millarden an gedruckten US-Dollars haben können für ein chinesisches Fort Knox, aber dies ist extrem unpraktisch. Warum sollte man bedrucktes Papier in einem bewachten Fort lagern, wenn man alternativ ein Konto bei der US-Zentralbank haben kann?


Ähnliches passierte innerhalb der Eurozone, wo die makroökonomischen Ungleichgewichte zu positiven und negativen Salden der Länder im sog. TARGET2-System, dem Zahlungssystem der Eurozone, führten. Das Zentralbankgeld kann die Bilanz der Zentralbank nicht verlassen, insofern ist sämtliches nicht-bares Zentralbankgeld in der Eurozone, welches von den Banken gehalten wird, quasi im virtuellen Frankfurt zuhause. Es handelt sich dabei um auf einem Computer mithilfe einer Software erzeugte Zahlen wie Spielstände beim Sport. Die EZB kann diese Zahlenstände hoch- oder runtersetzen, je nach durchgeführter Transaktion.


Modern Monetary Theory: endogenes Geld und Chartalismus


Als nächstes schlägt Stiglitz ein quantitatives Ziel der Kreditschöpfung vor und wandelt damit auf den Pfaden des Monetarismus. Kreditquoten sollen über eine Auktion an die Banken zugeteilt werden, die dann entsprechend Kredite vergeben dürfen. Stiglitz versichert, dass die Banken dann Geld nicht mehr "aus der Luft" erzeugen können. Zudem wüsste man, wieviel Kredit geschaffen werden würde. Diese Ideen sind meiner Meinung nach überholt, denn das Problem liegt ja bei der Kreditnachfrage: wenn kein Haushalt und kein Unternehmen sich sog. endogenes (von Banken erzeugtes) Geld leihen will, dann werden die Banken keine neuen Kredite schöpfen können. Es ist dabei irrelevant, ob sie dazu berechtigt waren oder nicht. In einer Finanzkrise oder einer Immobilienkrise ist es der Zusammenbruch der Kreditnachfrage, welcher zu einer Rezession führt.

Stiglitz erkennt in der Folge, dass in einem montären System der Staat Geld in Umlauf bringen kann und dieses dann für Steuerzahlungen genutzt werden kann. Dies erzeuge letztlich den Wert des Geldes. Allerdings scheint Stiglitz dies nur für eine neue digitale Währung zu postulieren. Dass wir bereits seit über hundert Jahren staatliche Währungen haben, die genau so funktionieren, erwähnt er nicht. Dabei war dies Anfang des 20. Jahrhunderts sogar relativ unumstritten in der Ökonomie: der sog. Chartalismus wurde u. a. von Knut Wicksell akzeptiert. Es folgen weitere kleine Ideen wie die von "trade chits" (Handelsmarken), welche die Leistungsbilanzen ausgleichen sollen, allerdings schwer umzusetzen sind aufgrund der nicht beantworteten Frage, woher die “chits” für die erste Transaktion kommen.


Fiskalisches und Flexibles: es geht Durcheinander


Zum fiskalischen erklärt Stiglitz, dass sich Regierungen quasi selbst finanzieren können. Allerdings befürwortet er dann Schuldenschnitte und auch Steuern als Finanzierungsinstrument, wenn Vollbeschäftigung bereits erreicht ist. Dies ist schlichtweg inkohärent. Entweder die Regierung kann bei der Zentralbank gegen die Einreichung von Staatsanleihen an mehr Geld gelangen oder sie kann es nicht. Bei Stigliz geht es durcheinander: wenn ja, warum dann Schuldenschnitt? Und wenn nein, warum dann Steuern erst ab Vollbeschäftigung einführen?


Der letzte Ausweg aus dem Euro-Disaster ist eine flexible Eurozone, aus der Länder leicht aus- und auch eintreten können. Dabei sollen gleich ganze Gruppen von Ländern aus- und eintreten und so flexible Währungsräume bilden. Hier käme wieder der Vorschlag zum Ausgleich der Leistungsbilanzen zum Tragen, was etwas seltsam erscheint, da ja durch die Wiedereinführung von Wechselkursen die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer schlagartig wiederhergestellt werden sollte. Leistungsbilanzüberschüsse in den Krisenländern wären zudem doch besser als eine ausgeglichene Bilanz, oder nicht? Am Ende schlägt Stiglitz genau das wieder vor, was wir in Europa schon hatten: Wechselkursbänder, innerhalb derer diese von den beteiligten Zentralbanken stabilisiert werden. Dieser Vorschlag ist gut, auch wenn es für die politische Integration Europas ein Schritt zurück wäre. Allerdings sind wir aktuell mit dem Euro bereits mehr als einen Schritt zurückgegangen und geraten gerade mächtig ins Stolpern.


Fazit: ein gelungene Analyse, aber mehr auch nicht


Das Buch von Joseph Stiglitz zum Euro ist ein zweischneidiges Schwert. Die Analyse der Vergangenheit ist sehr scharf, aber die Vorschläge bezüglich der Zukunft sind ungenau und teils widersprüchlich. Stiglitz scheint sich vom neu-keynesianischen Paradigma ab- und der "Modern Monetary Theory" zuzuwenden, bleibt aber in alten Denkschablonen verhaftet. Da es aber bereits einige gute Analysen der Probleme in der Eurozone gibt, würde ich das Buch nur denen empfehlen, die eine solche bisher noch nicht anderswo gefunden haben und sich auf die Autorität eines Gewinners des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften verlassen wollen.

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