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Gerhard Colm: Die MMT auf den Spuren eines Architekten der D-Mark

Aktualisiert: 4. Dez. 2023

Gerhard Colm war einer der wichtigsten wirtschaftspolitischen Berater der USA während und nach dem zweiten Weltkrieg und ein bedeutender Architekt der westdeutschen Währungsreform von 1948. Dieser Beitrag wirft einen Blick auf Colms Geschichte und seine Schriften, wobei interessante Parallelen zu der Modern Monetary Theory (MMT) erkennbar werden.


Von Klaus Diekmann


Vor einigen Wochen machte ich mich daran, mir die Arbeit des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in den 1920ern und 30ern anzusehen. Von Wirtschaftshistoriker Jan Prokott hatte ich den Tipp bekommen, dass sich dort, u.a. mit Lorenz von Stein und Bernhard Harms, Personen befanden, die einem chartalistischen Verständnis des Geldsystems offen gegenüberstanden. Vor der Machtergreifung der Nazis waren dort unter Harms Leitung mit Wassily Leontief, Gerhard Colm, Adolphe Lowe und Hans Neisser zudem eine Reihe von Ökonomen beschäftigt, denen nach ihrer Emigration in die USA große Karrieren gelangen.




Ich fragte mich, ob nicht Teile des Chartalismus ihren Weg über den Atlantik fanden. Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel über Gerhard Colm machte mich hellhörig. Dort heißt es:


"In Amerika beeinflusste er [Gerhard Colm] die „funktionelle Wirtschaft“ von Abba Lerner und Neo-Keynesianer in der Nachkriegszeit."

Abba Lerners Ansatz der „Functional Finance“ ist nicht mit der Modern Monetary Theory (MMT) zu verwechseln, gilt jedoch als ein wichtiger Vorläufer der Denkschule. Der Ansatz berücksichtigt, dass die meisten Staaten Herausgeber ihrer eigenen Währung sind und durch staatliche Ausgaben jederzeit für eine komplette Auslastung der Wirtschaft und Vollbeschäftigung sorgen können.


Bevor wir zu den Fundstücken meiner Literaturrecherche kommen, möchte ich zunächst einige Sätze zur Person Gerhard Colm sagen.


Gerhard Colm wurde 1897 in Hannover geboren. Ich habe zu seinem frühen Werdegang teils widersprüchliche Informationen gefunden. Im Folgenden schildere ich die Version, die mir am kohärentesten erscheint. Danach meldete sich Gerhard Colm 1915 als Freiwilliger im ersten Weltkrieg. Er wurde später mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse ausgezeichnet und nahm anschließend ein Studium der Nationalökonomie in Frankfurt am Main bei Franz Oppenheimer auf. Interessant ist, dass auch Ludwig Erhard Schüler von Oppenheimer war. Erhard hatte, wie Dirk Ehnts zeigt, ähnliche Ansichten zu Staatsfinanzen wie Colm.


Zur Zeit seines Studiums wurde Colm SPD-Mitglied und engagierte sich laut William Milberg ("Gerhard Colm and the Americanization of Weimar Economic Thought“) im Kampf gegen rechtsextreme Freikorps. Seine Großeltern waren jüdischen Glaubens, der Vater soll seinen Sohn jedoch getauft und den Familiennamen von Cohen zu Colm geändert haben.

Nachdem Gerhard Colm in Freiburg promoviert hatte und einige Jahre beim Statistischen Reichsamt in Berlin angestellt war, wechselte er um das Jahr 1926 nach Kiel zum IfW. Dort habilitierte er 1927 mit der Schrift "Volkswirtschaftliche Theorie der Staatsausgaben. Ein Beitrag zur Finanztheorie". In dieser Arbeit beschäftigte er sich vor allem mit der Ausgabenseite des Staates. Dabei betrachte Colm die Wirtschaft als Kreislauf und beschrieb die Rolle von Staatsausgaben für die Kaufkraft und die Auslastung von Ressourcen. Außerdem ging auf die Rolle des Staates als wirtschaftlichen Akteur ein und grenzte sich dabei von seinen neoklassischen Kollegen ab:

"Eine außerwirtschaftliche und doch für die tatsächliche Wirtschaft entscheidend wichtige Erscheinung kann etwa ein Erdbeben sein. Dies ist der Einfluß einer anderen Welt auf das Wirtschaftsleben, mit dem die Theorie höchstens als mit einer häufig wiederkehrenden Bedingung zu rechnen hat. Aehnlich wurde auch die Staatswirtschaft vielfach als außerwirtschaftlich, als nur politisch oder juristisch verstehbar aufgefaßt. Im Gegensatz hierzu soll versucht werden, den Staat als Träger eines eigenen Wirtschaftssystems darzustellen. Es wird hier die besonders von anglo-amerikanischen und skandinavischen Finanzwissenschaftlern vertretene Meinung abgelehnt, daß die Staatswirtschaft, soweit sie wirtschaftlich ist, der marktwirtschaftlichen Gesetzlichkeit unterliegen müsse." (S. 2)

Gemeinsam mit Hans Neisser und Adolphe Lowe widmete Colm sich in der sogenannten „Kieler Gruppe“ der Konjunkturforschung. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor er aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im April 1933 seine Stelle. Hierbei dürften seine Mitgliedschaft im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und seine ehemalige Mitgliedschaft in der USPD nicht mitentscheidend gewesen sein.

Claus Dieter Krohn beschreibt, wie er und Hans Neisser von Kollegen, die sich den Braunhemden angeschlossen hatten, brutal zusammengeschlagen wurde. Kurz darauf emigrierte Krohn gemeinsam mit Neisser in die Vereinigten Staaten und nahm eine Stelle an der New School for Social Research in Manhattan an.


1940 wechselte Colm ins Weiße Haus, um im Haushalts-Büro Roosevelts als Finanzreferent zu arbeiten. 1946 erarbeitete er gemeinsam mit dem US-amerikanischen Banker Joseph Dodge und (dem ebenfalls aus Nazi-Deutschland geflüchteten) Ökonom Raymond Goldsmith den Colm-Dodge-Goldsmith (CDG)-Plan, welcher die Grundlage für die Währungsreform bildete. 1946 wechselte Colms Stelle im Weißen Haus: Er wurde zum persönlichen wirtschaftspolitischen Berater des neuen Präsidenten Harry S. Truman. Dort war er federführend für dessen „Fair Deal“. 1952 wurde Colm zum Opfer der McCarthy-Era: Beim sogenannten „Red Scare“ wurde Linken und Progressiven (meist fälschlicherweise) Sympathien zum Kommunismus und der Sowjetunion unterstellt, wofür man sie anschließend aus ihren Ämtern drängte. Nach seiner politisch motivierten Entlassung wurde Colm Chefökonom der National Planning Association (NPA) und blieb in dieser Rolle bis zu seinem Tod im Jahr 1968.


Im Folgenden soll es nicht um Colms Rolle in der Währungsreform gehen, sondern um Texte, die er in den USA geschrieben hat. In diesen lässt Colm sein Verständnis vom Geldsystem durchblicken. Wer sich für die Implikationen bezüglich der Währungsreform von 1948 interessiert, findet in diesem Text von Jörg Bibow bei Makroskop spannende Anknüpfungspunkte.


Balanced Budget ≠ Balanced Economy


Mein erster Anhaltspunkt war Colms Essay "Why Public Finance?" aus dem Jahre 1948 (dem Jahr der Währungsreform), welchen William Milberg zitiert. Hier bezieht er sich unter anderem auf Abba Lerner und erklärt:


"Der traditionelle Grund dafür, den Staatshaushalt als Einheit zu betrachten, welcher Staatsausgaben und Staatseinnahmen umfasst, war der Glaube, dass Steuern den primären Zweck haben, das Geld bereitzustellen, welches zur Bezahlung der Ausgaben benötigt wird und dass dem Steueraufkommen beim Beschließen eines realisierbaren Ausgabenprogramms eine besondere Bedeutung zukommt. Für eine souveräne Regierung mit Zugang zu Zentralbankkredit jedoch, beschränkt das Steueraufkommen nicht die Menge an Geld, welches die Regierung ausgeben kann, wenn sie sich dazu entscheidet." (S. 194)

Colm erkennt also, dass ein Staat als Währungsherausgeber nicht zahlungsunfähig werden kann. Der Essay ist ein Plädoyer dafür, öffentliche Finanzen nicht nur als einen Zweig der Volkswirtschaftlehre zu betrachten, sondern sich ihnen mithilfe eines interdisziplinären Forschungsprojektes zu nähern und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft mit all ihren Rückkopplungseffekten differenziert zu betrachten.


Ich vermute, dass Gerhard Colm an der Projektskizze, die Heinrich Röder zuletzt bei uns vorgestellt hat, gefallen gefunden hätte.

Anschließend stieß ich auf ein Buch Colms namens "The Need for Further Budget Reform" aus dem Jahre 1955. Er schrieb es mit Assistenz von Marilyn Young. Colm beschäftigt sich darin mit der Frage, wie man Fiskalregeln gestalten sollte, wenn (dank der monetären Souveränität des Staates) keinerlei Notwendigkeit für einen ausgeglichenen Haushalt besteht.



"Die uralte Art, Menschen die Kosten staatlicher Programme in Erinnerung zu rufen, ist es, ihnen zu erzählen, dass sie Steuern zahlen müssen, um Programme zu finanzieren. Rufe nach zusätzlichen Programmen werden beschwichtigt, wenn im öffentlichen Bewusstsein ein Zusammenhang zwischen Steuern und Ausgabenprogrammen besteht oder wenn Gruppen, die zusätzliche Programme fordern, solche gegenüberstehen, die die Steuerlast minimieren wollen. Besteuerung ist eine der Methoden, mit denen die Regierung die Öffentlichkeit auf die Kosten staatlicher Programme aufmerksam macht. So wie die Marktdisziplin die Entscheidungen von Unternehmern leiten soll, soll die Budgetdisziplin die Forderungen des öffentlichen Sektor überwachen. Allerdings ist die Effektivität der Budgetdisziplin von der Tatsache limitiert, dass es vor allem auf Bundesebene nicht immer eine sichtbare Beziehung zwischen zusätzlichen Programmen und zusätzlichen Steuern gibt." (S. 37)

In der Fußnote zu „Kosten“ stellt Colm klar:


"Wir sprechen vom Prinzip der Budgetdisziplin als politische Regel, da die Besteuerung im Zusammenhang mit den Kosten der staatlichen Programme steht. An diese werden die Menschen als Steuerzahler*innen und Profiteure dieser Programme erinnert. Wirtschaftlich gesehen werden die Kosten staatlicher Programme durch die produktiven Ressourcen gemessen, die vom privaten Sektor in den öffentlichen Sektor transferiert werden. Im Falle einer Unterauslastung der Wirtschaft - wenn sonst ungenutzte Ressourcen zur Verfügung stehen - können die ökonomischen Kosten der staatlichen Programme kleiner sein als die Dollarzahlen im Budget." (S. 37)

Mit "(ökonomischen) Kosten" ist hier also die Unterauslastung realen Ressourcen gemeint. Dieses Argument wird ebenso von Ökonom*innen der MMT vorgebracht. Es ist also die Rede von Arbeitskraft, Rohstoffen, Energie etc. und davon, dass der Staat als Währungsschöpfer in der Lage ist, eine unausgelastete Wirtschaft auszulasten, indem er Geld schöpft, um Ressourcen zu mobilisieren. In Why Public Finance? beschreibt Colm die Rolle der Politik bei Entscheidungen über die Verwendung dieser realen Ressourcen:


"Ausgaben, welche soziale und politische Zwecke erreichen sollen (in engerer Definition), unterliegen weniger rechnerischen Maßstäben. Vielmehr besteht die Hauptaufgabe dieser Ausgaben darin, die ökonomischen und sozialen Kosten darzustellen. Diese Kosten liegen dabei in den alternativen Verwendungsmöglichkeiten dieser Ressourcen." (S. 201)

Colm distanziert sich in "The Need for Further Budget Reform" stark vom Prinzip der Budgetdisziplin und von Fiskalregeln, die einen „ausgeglichen Haushalt" fordern. Er sieht solche Regeln als Hindernis für die Erreichung einer „ausgeglichenen Wirtschaft“. Auch die Idee eines „Balancing the Budget Over the Cycle“ (also die Idee, dass im Aufschwung gespart werden muss, um in der Krise Geld ausgeben zu können) lehnt Colm ab (S. 42). Stattdessen beschäftigt er sich mit Vorschlägen von Beardsley Ruml. Der Chef der Federal Reserve Bank of New York ist in MMT-Kreisen bekannt, da er bereits 1946 ein Paper namens Taxes for Revenue Are Obsolete ("Steuern zur Erzielung von Einnahmen sind obsolet") schrieb.


"Full employment and Price Stability"


1956 schrieb Colm (wieder mit Assistenz von Marilyn Young) das Buch: Can We Afford Additional Programs for National Security? ("Können wir uns zusätzliche Programme zur Wahrung der Nationalen Sicherheit leisten?"). Darin heißt es:



"Beim Abschätzen der Menge an Steuern, welche mit den hypothetischen Programmen im Laufe der nächsten 3 Jahre eingeführt werden sollten, versuchten wir, grob einen Weg zu skizzieren, der zwischen Inflation auf der einen Seite und Deflation oder Rezession auf der anderen Seite liegt. Wir haben nicht danach gefragt, welche Menge an Steuern wir brauchen, um das Budget auszugleichen. Stattdessen fragten wir:
Mit jeder Höhe von Sicherheitsausgaben, welche Höhe an Steuern brauchen wir, um Vollbeschäftigung und Preisstabilität zu erreichen?" (S. 38)

Hier sehen wir auch, dass Colm nicht dem Mythos der Philipps-Kurve zum Opfer gefallen ist. Full employment (Vollbeschäftigung) und price stability (Preisstabilität) sind laut Colm keine Gegensätze, sondern die Losung einer verantwortungsbewussten Wirtschaftspolitik. Colms Maxime ist eindeutig: Es spielt keine Rolle, wie groß das Defizit ist. Staatsausgaben und die Höhe der Steuern sollten unabhängig von einander so gestaltet werden, dass die Wirtschaft bestmöglich ausgelastet wird.


Fazit


Jan Prokott hat mit der Präsentation seines Dissertationsprojekts auf der 3. Europäischen MMT-Konferenz im September eindrücklich gezeigt, dass es im 19. Jahrhundert ein tiefgehendes Verständnis von staatlichen Geld im deutschsprachigen Raum gegeben hat. Überlegungen, die in Georg Friedrich Knapps Chartalismus mündeten (und heute als Vorläufer der MMT gelten), waren schon bei einer Reihe von Denkern, einschließlich Johan Gottlieb Fichte, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Gustav von Schmoller und Lorenz von Stein, präsent.


Mit der Flucht und Emigration vieler Ökonomen und sonstiger Staatswissenschaftler, welche nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ihren Höhepunkt fand, gelangten viele Ideen, u. a. einige der Deutschen Historischen Schule, in den englischsprachigen Raum. Ich vermute, dass es viele historische Ereignisse (wie etwa die westdeutsche Währungsreform) gibt, die wir durch weitere Nachforschungen in neuem Licht betrachten könnten. Das Wissen über den Ursprung des staatlichen Geldes und die Funktionen von Steuern in der Geschichte scheint auch in der Nachkriegszeit verbreiteter gewesen zu sein, als man es heute vermuten würde.


Die Modern Monetary Theory hat einen langen Schatten und steht in einer spannenden Tradition, über die wir noch viel lernen können (Ehnts 2020). Weitere Recherchen in dieser Sache stehen noch aus und über Hinweise, insbesondere zu Hans Neisser, Bernhard Harms, Karl Schiller (der in Kiel zu der Zeit studierte) und Adolphe Lowe wäre ich sehr dankbar (Hinweise an: klaus.diekmann@pufendorf-gesellschaft.org).


Ich möchte mich herzlich bei Jan Prokott, Dirk Ehnts, Jasper Lüke und Jannik Strobl für die Unterstützung und Beratung bei diesem Mini-Projekt bedanken.


Bibliographie:


Barbaroux, Nicholas und Ehnts, Dirk. 2020. "From Wicksell to Le Bourva to Modern Monetary Theory": a Wicksell connection, History of Economic Ideas 28(3), 65-88


Colm, Gerhard. 1927 „Volkswirtschaftliche Theorie der Staatsausgaben. Ein Beitrag zur Finanztheorie".


Colm, Gerhard. 1948. „Why Public Finance?” National Tax Journal 1 (3): 193–206.


Colm, Gerhard. 1953. „Can We Afford Additional Programs for National Security?“

A Statement of a Special NPA Project and a Staff Report. Planning Pamphlets No. 84.


Colm, Gerhard. 1955. „The Need for Further Budget Reform“ Joint Statement by the

Board ,Agriculture ,Business ,Labor and International Committee Members

of the National Planning Association Present at the

Twentieth Anniversary Joint Meeting December 13 and 14, 1954

Washington, D. C. Planning Pamphlets No.90.



Krohn, Claus Dieter. 1993. "Intellectuals in Exile: Refugee Scholars and the New School for Social Research“. Translated by Rita Kimber and Robert Kimber. Amherst, MA: University of Massachusetts Press.


Milberg, William. 2017. „Gerhard Colm and the Americanization of Weimar Economic Thought.” Social Research, vol. 84, no. 4, 2017, pp. 989–1019. JSTOR, https://www.jstor.org/stable/26550374.

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