top of page

Inflation verstehen Teil 2: Importierte Inflation

Aktualisiert: 1. Dez. 2022

Im ersten Teil der Serie zur Inflation wurde die MMT-Theorie des Preisniveaus vorgestellt. Da Lohnkosten für Unternehmen die Hauptkosten der Produktion darstellen, gibt es einen starken Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Lohnstückkosten und der Inflationsrate. Das Lohnniveau wird hingegen fundamental vom Staat bestimmt. Damit ergibt sich ein Modell, indem der Staat zentraler Setzer des Preisniveaus ist.


Ganz so simpel ist die Realität allerdings nicht. Insbesondere Inflation ist ein sehr komplexes Phänomen. Preissteigerungen können viele Ursachen haben und unterschiedlich stark ausfallen. In den nächsten drei Teilen wollen wir uns daher mit drei weiteren relevanten Faktoren beschäftigen, die die Inflationsrate beeinflussen.


In diesem Teil geht es um die sogenannte importierte Inflation. Damit ist ein Anstieg des Preisniveaus durch einen Preisanstieg von Importgütern gemeint. Wir müssen hier zwischen Teuerungen einzelner Güter und dem generellen Anstieg des Preisniveaus unterscheiden.

Steigt z.B. der Weltmarktpreis für Diamanten, so werden Schmuck und ähnlich Güter in Deutschland teurer, da Deutschland selbst über keine Diamantenvorkommen verfügt. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sich dieser Importpreisanstieg auf andere Güter auswirkt, da Naturdiamanten hauptsächlich nur als Schmuck gekauft werden und der Anteil der Diamanten an den gesamten Konsumgütern eher gering ausfällt.


Anders sieht es bei Importgütern aus, die als Rohstoffe, Energieerzeugnisse oder Vorprodukte in die inländische Produktion Eingang finden. Das sind vor allem Rohstoffpreise wie Stahl und Kupfer, aber insbesondere auch Energieträger. Öl, Kohle und Gas werden in der gesamten Wirtschaft als Energiequellen benötigt. Ein Preisanstieg bei diesen Gütern führt zu höheren Produktionskosten für fast alle Unternehmen und damit zu steigenden Preisen.

Da wir in Deutschland selbst mehr Energieträger importieren müssen als wir produzieren, sind deren Importpreisen relevant für unsere Inflationsrate. Höhere Importpreise erhöhen also die Inflationsrate, da die höheren Energiekosten zu steigenden Preisen in Deutschland führen. Energiekosten sind daher für Deutschland und andere Industrieländer die wichtigsten Treiber der importierten Inflation. Für die Industrieländer sind Energiekosten die größten Treiber der importierten Inflation, da diese Länder sonst fast alle Produkte selbst herstellen können.


Viele Entwicklungsländer sind aber auch auf den Import von anderen Gütern, wie z.B. Lebensmitteln, angewiesen. Je mehr für den alltäglichen Bedarf relevante Güter und Dienstleistungen importiert werden, desto größer ist die Gefahr einer importierten Inflation. Steigende Lebensmittelpreise führen zwar nicht zu einem Anstieg anderer Produktionskosten, aber sie führen zu einer signifikanten Teuerung für die Bevölkerung und können zu großen Versorgungsproblemen für arme Menschen führen, sofern diese nicht selber in der Landwirtschaft oder Lebensmittelproduktion tätig sind.


Wenden wir den Blick zurück nach Deutschland. Die aktuelle hohe Inflationsrate ist in großen Teilen eine importierte Inflation als Folge gestiegener Energiekosten. Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine sind die Weltmarktpreise für Gas und Öl deutlich gestiegen. Das führt zu einer direkten Teuerung für Haushalte, die mit Öl und Gas heizen, aber auch zu höheren Strompreisen. Aufgrund der langfristigen Verträge werden diese Preiserhöhungen Stück für Stück für die KonsumentInnen wirksam.


Entwicklung der Erdgaspreise in Deutschland 2022 (Bundesnetzagentur)


Neben diesen direkten Preissteigerungen führen die hohen Energiepreise auch zu Preissteigerungen weiterer Güter, vor allem solche, für deren Herstellung viel Energie benötigt wird. So sind z.B. auch Brot und Backwaren im Preis deutlich gestiegen, da viele Backöfen der Bäckereien mit Gas betrieben werden. Die gestiegenen importieren höheren Energiepreise treiben also einen breiteren Preisanstieg.


Die aktuelle Situation ist mit dem Ölpreisschock in den 1970er Jahren vergleichbar. 1973 stieg der Ölpreis sehr schnell von 3,50$ auf 10$ pro Barrel. Ein Preisanstieg von 185%. Auch damals stieg die Inflationsrate dadurch stark an und weitere Güter verteuerten sich.


Ölpreisentwicklung 1970-1975 (Federal Reserve Bank of St. Louis)


Die wirtschaftspolitischen Werkzeuge gegen eine importierte Inflation sind stark limitiert, da es sich um einen Preisanstieg von außen handelt. Höhere Zinsen werden die Preise an den Weltmärkten nicht beeinflussen, insbesondere wenn das betroffene Land nur einen kleinen Teil des Welthandels ausmacht. Eine wirksame Maßnahme ist der Import günstigerer Alternativprodukte, um das Angebot von z.B. Energie oder Lebensmitteln zu erweitern und die heimische Produktion zu erhöhen. Durch die gestiegenen Weltmarktpreise lohnt sich oftmals die Ausbeutung von teureren Öl- oder Gasfeldern, sodass mittelfristig das Angebot zunimmt und der Preisanstieg gestoppt wird. Nach dem Ölpreisschock 1973 wurde in Deutschland z.B. zunehmend mehr Kohle und Gas importiert, um weniger teures Öl importieren zu müssen.


(verfasst von Leon Heckmann)

144 Ansichten
bottom of page