The German (export) problem


Die englische Wochenzeitung The Economist hatte jüngst das nebenstehende Cover auf Ihrer Ausgabe. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird also als Problem wahrgenommen, und der Grund dafür ist ganz einfach: wenn die Deutschen, also alle zusammen, im Handel mit dem Ausland mehr einnehmen als sie ausgeben, dann muss der Rest der Welt mehr ausgegeben haben als er eingenommen hat. Wie kann der Rest der Welt mehr ausgeben als er einnimmt? In andere Worte verpackt: wie kann der Rest der Welt über seine Verhältnisse leben? Oder, aus anderer Perspektive formuliert, wie kann es sein, dass die Deutschen unter ihren Verhältnissen leben?


Die Unterüberschrift des Leitartikels (hinter der Paywall) gibt bereits einen Hinweis: "The country saves too much and spends too little." Das Land spart zu viel und gibt zu wenig (Geld) aus. Es setzt genau bei dem Problem an, was im ersten Absatz angesprochen wurde. Würden die Deutschen nicht weniger ausgeben als sie einnehmen, dann wären die deutschen Importe höher und damit auch der Leistungsbilanzüberschuss niedriger. Dies hat unmittelbar etwas mit dem Geldsystem zu tun, denn in der Eurozone gibt es keine Wechselkurse und damit keine Möglichkeit für Abwertungen, um das Problem der hohen Importe aus Deutschland zu lösen. Für die spanische Wirtschaft beispielsweise oder auch die griechische ist es halt problematisch, wenn ständig griechische bzw. spanische Banken mehr Geld nach Deutschland überweisen als andersherum die Deutschen an die Banken der Peripherie.


Wie die Bundesbank jüngst feststellte: "Buchgeldschöpfung findet auch statt, wenn Zahlungen im Zusammenhang mit Leistungsbilanzüberschüssen (z. B. Warenexporten) oder Kapitalzuflüssen aus dem Ausland über inl.ndische Banken abgewickelt werden. Kommt es im Rahmen derartiger Transaktionen zu Zahlungseingängen auf Konten inländischer Nichtbanken (z. B., weil einem inländischen Unternehmen der Kaufbetrag seiner exportierten Maschine gutgeschrieben wird), wird im Inland Geld geschaffen, ohne dass die Geld schaffende Bank hierauf direkten Einfluss nehmen könnte." Das bedeutet also, dass in Zukunft die Deutschen mehr Geld ausgeben können und die Spanier und Griechen weniger. Als Gegenbuchung zu den Exporten macht dies Sinn: die Exporte führen zur Erhöhung der Kontostände der Exporteure, und die könn(t)en sich dann halt mehr aus Griechenland und Spanien kaufen. Allerdings tun sie das nicht, und das bezeichnet der Economist als Problem.


Normalerweise sind Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite innerhalb einer Währungsunion kein Thema. Oder haben Sie schon mal die Leistungsbilanzen von Bayern und Berlin, Bremen und Sachsen oder Hamburg und Saarland gesehen? Das Problem in der Eurozone ist, dass die Arbeitslosigkeit in der Peripherie nicht bekämpft werden kann, da die Regierungen den Stabilitäts- und Wachstumspakt einhalten müssen und dann auch noch die nationale Schuldenbremse. So kann die Regierung halt nicht ihre Staatsausgaben erhöhen und damit Arbeitsplätze für die schaffen, deren potentielle Jobs durch deutsche Firmen, angetrieben durch Niedriglohnsektor und geringe Tarifabschlüsse deutlich unter Produktivitätswachstum, vernichtet worden sind.


Deutschland ist der kranke Mann Europas. Er ist stark, aber das Problem liegt auf der geistigen Ebene. Wie kann ein Land wie Deutschland jedes Jahr dem Ausland durch seine Nettoexporte Hunderte von Milliarden Euros an neuen Schulden zumuten und gleichzeitig bejammern, dass es zu Finanzkrisen kommt, in deren Folge sich deutsche Ersparnisse im Ausland entwerten? Dies kann wohl nur auf Grundlage eines mangelnden Verständnisses des Geldsystems begründet. Deutschland isoliert sich damit international, auch europäisch. Das ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.

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