Schreck lass nach - die MMT ist los



In der Debatte um die Modern Monetary Theory meldet sich nun auch der Soziologe und Ökonom Michael Wendl (hier) mit einer Antwort auf den Beitrag von Nikolaus Piper (hier) aus der Süddeutschen Zeitung zu Wort:


Die MMT, so wie sie seit ca. 30 Jahren diskutiert wird, ist insofern keine neue Theorie. Sie beschreibt nur den tatsächlichen Prozess der Geldschöpfung und der Staatsfinanzierung jenseits der ganzen moralischen Entrüstung, die besonders in Deutschland mit den Vorgängen der öffentlichen Kreditaufnahme (Staatsschulden) verbunden ist. Die Aufregung, die aktuell über die MMT entstanden ist, kommt daher, dass Ocasio-Cortez mit diesem zum Staatsgeld transformierten Zentralbankgeld einen »Green New Deal«, also ein sozial-ökologisches Wirtschaftsprogramm finanzieren will, das auf Vollbeschäftigung zielt.

Die Idee einer monetären Staatsfinanzierung ist nicht nur keine neue Idee, sie ist auch nicht sonderlich radikal. Der Direktverkauf staatlicher Anleihen an die Zentralbank ist in der Geschichte in vielen Ländern durchaus erfolgreich praktiziert worden. In Kanada muss die Zentralbank bis heute der Regierung bei Bedarf einen zinsfreien Kredit einräumen. Von einer kanadischen Hyperinflation, weil der Staat diese Möglichkeit zu sehr ausschöpfen würde, haben wir aber noch nie etwas lesen können. Radikal hingegen ist die Vorstellung, eine Regierung Pleite gehen zu lassen, weil man der Zentralbank verbietet, ihr Anleihen aufzukaufen. Völlig unverständlich ist es, einer Zentralbank dies nur über den Umweg des Sekundärmarktes (also über die Banken) zu erlauben, wie es im Euroraum derzeit der Fall ist.


Häufig wird MMT aber auch von jenen kritisiert, welche die derzeitige Austeritätspolitik prinzipiell für den falschen Weg halten. Dies ist verwunderlich, weil MMT die theoretische Fundierung liefert, die den Sparbefürwortern jeglichen Boden entzieht. Da ein Staat nicht Pleite gehen kann, solange er sich in der eigenen Währung verschuldet, ist eine Austeritätspolitik zu keinem Zeitpunkt zwingend notwendig. Man unterstellt den MMT-Befürwortern aber, sie würden allein mit staatlichen Schulden alle Probleme der Welt lösen wollen und insbesondere Verteilungskonflikte und Angebotsprobleme völlig unterschlagen. Wendl weiß, dass dies falsch ist und verweist zurecht auf die Idee der Arbeitsplatzgarantie:


Der Staat handelt in dieser Konzeption als Arbeitgeber der letzten Instanz (Employer of last Resort) und beschäftigt alle Arbeitslosen mit öffentlichen Aufgaben zu einem bestimmten Lohnsatz (das kann der gesetzliche Mindestlohn oder ein bestimmter Tariflohn sein). Insofern herrscht Vollbeschäftigung, die ohne Zweifel die Machtverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit zugunsten der Gewerkschaften verändern wird. Ob das die Kritiker*innen wissen, kann hier offenbleiben, da sie meinen, allein der Hinweis auf das Schlaraffenland und eine drohende Inflation reiche für eine Kritik. Der Hinweis auf eine Stärkung der Beschäftigten im Konflikt zwischen Kapital und Arbeit würde den Schrecken aber noch steigern.

MMT Unterstützer sind sich durchaus bewusst, dass es höherer Reallöhne bedarf, um der Ungleichheit entgegenzuwirken. Jedoch lässt sich die einmalige Situation der Nachkriegsjahrzehnte, in der sich der Anteil der Löhne am Volkseinkommen erhöhte, nicht so einfach wieder herstellen, wie Steven Hail im 7. Kapitel von "Economics for sustainable Prosperity" erklärt. Eine Arbeitsplatzgarantie könnte die Arbeitnehmer aber stärken und so zu einer gesellschaftlich vorteilhafteren Verteilung beitragen. Da Arbeitnehmer zudem häufig ihre Fähigkeiten verlieren, wenn sie über einen längeren Zeitraum arbeitslos sind, und unter schweren psychischen Krankheiten leiden können, die enorme gesellschaftliche Kosten verursachen, würde man so mittelfristig auch das Angebot der Volkswirtschaft stärken. Verbindet man dies mit Fortbildungsmaßnahmen ist der Effekt noch größer und es lassen sich sogar Mismatch-Probleme auf dem Arbeitsmarkt verringern.


Die meisten Missverständnisse zur MMT entstehen aus Unwissenheit und einem vorschnellen Urteil, dass man sich aus wenigen und recht kurzgehaltenen Zeitungsbeiträgen bildet. Dort bleibt aber meist nur die Zeit, ein Grundverständnis der Funktionsweise unseres Geldsystems zu vermitteln. Wer MMT in vollen Zügen verstehen will, muss sich schon etwas mehr Zeit nehmen. Es gibt eine Vielzahl von Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die sich zu ganz verschiedenen Themen aus Sicht der MMT äußern. Einige Links findet man auch bei uns unter dem Reiter "Modern Monetary Theory". Wir hoffen hiermit einen Beitrag zu leisten, solche Missverständnisse zukünftig zu vermeiden.

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