Was passiert, wenn die Bevölkerung sich weigert, die Landeswährung zu akzeptieren?

Jeden Freitag veröffentlichen wir einen kurzen Beitrag von Randall Wray, der schrittweise eine umfassende Theorie aufbaut, wie Geld in souveränen Ländern "funktioniert". Die Beitragsserie entstammt der Einführung in die "Modern Monetary Theory" (MMT) von Randall Wray aus dem Jahre 2011 auf der Website „New Economic Perspectives“ und wurde von Michael Paetz und Robin Heber ins Deutsche übersetzt. Zudem wird Vorstandsmitglied Dirk Ehnts jeden Freitagabend von 19-20 Uhr auf Facebook Fragen zum Beitrag der Woche beantworten. Ihr könnt uns natürlich auch gerne Fragen über das Emailformular (unten auf dieser Seite) schicken.

Von L. Randall Wray


In den letzten zwei Wochen haben wir die folgende Frage gestellt und beantwortet: Warum sollte jemand eine "Fiat“-Währung akzeptieren, die ohne eine Konvertierbarkeit in Edelmetall keinen inneren Wert hat? Wir haben argumentiert, dass die gesetzliche Festlegung des Zahlungsmittels allein nicht ausreicht, weil es für die Regierung oft zu schwierig ist, diese auch durchzusetzen. Darüber hinaus wissen wir, dass "Fiat“-Währungen oft akzeptiert werden, auch wenn ihre Verwendung nicht geboten ist (d. h.: wenn es keine gesetzlichen Normen zum Zahlungsmittel gibt, oder zumindest keine, die anzuwenden sind).

Wir kamen zu dem Schluss, dass „Steuern die Akzeptanz einer Währung sichern" (taxes drive money): Wenn ein souveräner Staat die Macht besitzt, eine Steuerschuld aufzuerlegen und durchzusetzen, kann er eine Nachfrage nach seiner Währung sicherstellen. Diese eine Transaktion erlaubt es dem Staat, dass seine "Fiat“-Währung verwendet wird: durch Zahlungen an sich selbst.

Wir kamen auch zu dem Schluss, dass auch andere Arten von Verpflichtungen zur Durchsetzung der Akzeptanz funktionieren werden: Wenn Sie die Währung benötigen, um Gebühren oder Bußgelder zu bezahlen, werden Sie mindestens so viel von der Währung nachfragen, bis sie diese Zahlungen leisten können. Und schließlich haben wir dargelegt, dass eine Behörde, die eine benötigte Ressource (Land, Energie) monopolisiert, "den Preis benennen" kann, d.h. diktieren kann, was geliefert werden muss, um sie zu erhalten. Dies könnte also auch eine Währung antreiben – und das liegt wiederum daran, dass die Behörde die Art und Weise bestimmen kann, in dem die Zahlung zu erfolgen hat.

Die beste Art der Zahlung ist eine obligatorische, die eben gemacht werden muss, um nicht ins Gefängnis zu kommen oder den Hungertod zu erleiden. Eine obligatorische Zahlung, die in der eigenen Währung des Souveräns erfolgen muss, garantiert eine Nachfrage nach dieser Währung.

Zudem stellten wir fest, dass man die Währung selbst dann noch akzeptieren würde, wenn man dem Souverän keine Steuern (oder Gebühren usw.) schuldet, wohl wissend, dass andere Steuerschulden haben und daher die Währung akzeptieren werden. Aber wie viel Währung wird akzeptiert? Kann der Souverän mehr Währung herausgeben als er an Steuerschuld auferlegt hat ? Wie viel mehr?

Die Einführung und Durchsetzung einer Steuerschuld stellt sicher, dass zumindest die Steuerpflichtigen die Landeswährung in einer Quantität nachfragen, die mindestens der Steuerschuld entspricht, die durchgesetzt wird. In den entwickelten Ländern ist die Bevölkerung bereit, mehr Landeswährung zu akzeptieren, als für Steuerzahlungen benötigt wird – in der Regel gibt es innerhalb des betreffenden Landes keinen Verkäufer, welcher der Regierung seine Güter nicht auch in der Landeswährung verkauft.

Im Normalfall – sagen wir, in den USA, Großbritannien oder Japan – steht alles, was zum Verkauf steht, in der Landeswährung zum Verkauf. Diese souveränen Regierungen werden niemals damit konfrontiert, dass sie etwas mit der eigens herausgegeben Währung nicht kaufen können.

Im Klartext heißt dies: Wenn ein Gut mit US-Dollar-Preisschild versehen ist, kann es durch die Lieferung von US-Währung gekauft werden. (Hier ist eine Einschränkung zu beachten, die später ausführlicher erläutert wird: Manchmal, vor allem bei Zahlungen per Post, werden Papierwährung und Münzen nicht akzeptiert. Aber wenn eine Zahlung z.B. per Scheck erfolgt, werden Bankreserven überwiesen, die technisch gesehen nichts anderes sind als die souveräne Währung.)

In Entwicklungsländern, in denen Fremdwährungen für "private" Transaktionen bevorzugt werden könnten (Zahlungen, an denen der Souverän nicht beteiligt ist), kann die Lage jedoch anders sein. Natürlich wird die Bevölkerung eine ausreichende Menge Landeswährung wollen, um ihre Steuerschuld zu erfüllen, aber die Steuerschuld kann durch Steuervermeidung und Steuerhinterziehung begrenzt werden. Dies wird die Fähigkeit der Regierung einschränken, Produkte durch Zahlungen in ihrer eigenen Währung zu kaufen.

Wir können uns eine grobe Vorstellung von der Grenze machen, die einer Regierung auferlegt wird, deren Bevölkerung Fremdwährung bevorzugt. Sagen wir, dass die Regierung eine Steuerschuld in Höhe von einem Drittel des gemessenen BIP erhebt. Da sich der informelle Sektor jedoch der Rechnungslegung entzieht, nehmen wir an, dass das BIP nur die Hälfte des tatsächlichen Produktionsniveaus abbildet.


Gehen wir ferner davon aus, dass die Regierung wegen Steuerhinterziehungen nur die Hälfte erhobenen Steuern eintreiben kann, dann entsprechen die erhobenen Steuern nur einem Sechstel des gemessenen BIP und nur einem Zwölftel der tatsächlichen Produktion und des tatsächlichen Einkommens. (Hallo Griechenland! Nur ein Scherz, aber das ist eine der Behauptungen, die häufig gegenüber Griechenland geäußert wird.)

Zumindest wird die Regierung in einer solchen Situation in der Lage sein, ein Zwölftel der nationalen Produktion durch Ausgaben in der Landeswährung in den öffentlichen Sektor zu verlagern (da diejenigen, die wirklich Steuern zahlen müssen, die Landeswährung benötigen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen).

In der Praxis wird die Regierung wahrscheinlich in der Lage sein, Zugriff auf mehr als ein Zwölftel der nationalen Produktion zu erlangen, weil einige "private" Einrichtungen (inländische und vielleicht auch ausländische) inländische Währung sowie andere Forderungen an die Regierung (wie Staatsanleihen) anhäufen wollen. – wir dürfen nicht vergessen, dass öffentliche Defizite die Bildung von Nettogeldvermögen in Form von staatlichen Schuldverschreibungen ermöglichen. Daher ist es wahrscheinlich, dass der Staat in der Lage sein wird, etwas mehr als ein Zwölftel des BIP zu kaufen, während er Steuern in Höhe eines Zwölftels des Nationaleinkommens erhebt, weil einige Haushalte oder Unternehmen (oder Ausländer) den restlichen Ausgabeüberschuss der Währung als Nettogeldvermögen halten.

(Dies sind notwendigerweise lediglich Schätzungen, weil wir mögliche Auswirkungen der Besteuerung und der Ausgaben auf das Verhalten der Bevölkerung ignorieren. Beispielsweise kann die Einführung einer Steuer mehr Produktion in den "Schwarzmarkt" treiben und das gemessene BIP und das zu versteuernde Einkommen verringern.)

Um einen größeren Zugriff auf die nationale Produktion zu bekommen, müsste die Regierung eine Politik verfolgen, die a) die Steuerhinterziehung verringert und b) einen größeren Teil des informellen Sektor formalisiert. Beide Maßnahmen würden die Steuern für die Bevölkerung erhöhen und es der Regierung ermöglichen, mehr Güter in dessen Besitz zu bringen.

Wenn die Steuern nur ein Zwölftel der nationalen Produktion betragen, wäre es für die Regierung möglicherweise nicht effektiv, ihre Ausgaben einfach zu erhöhen, um zu versuchen, mehr Ressourcen in den öffentlichen Sektor zu verlagern – dies könnte nur zu Inflation führen, da die Verkäufer mehr Währung nur zu höheren Preisen akzeptieren würden (da sie bereits über genug Währung verfügen, um die Steuerpflicht zu begleichen, von der sie glauben, dass sie durchgesetzt wird). Und über einen gewissen Punkt hinaus, könnte die Regierung mit zusätzlicher Währung keinen Verkäufer mehr überzeugen, sein Produkt zu verkaufen.

Obwohl es – aus Gründen, die später noch dargelegt werden – falsch wäre zu argumentieren, dass Steuern die Staatsausgaben "finanzieren", ist es wahr, dass die Unfähigkeit, Steuerverbindlichkeiten aufzuerlegen und durchzusetzen, die Menge der Ressourcen, auf die der Staat zugreifen kann, begrenzt.

Das Problem ist nicht die "Bezahlbarkeit", sondern die begrenzte Fähigkeit der Regierung, Ressourcen zu mobilisieren, weil sie keine Steuern auf einem ausreichenden Niveau erheben und durchsetzen kann, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

Die Regierung kann sich immer "leisten", mehr auszugeben (in dem Sinne, dass sie beliebig mehr von einer Währung herstellen kann), aber wenn sie keine Steuern durchsetzen und einsammeln kann, wird sie nicht genügend Bereitschaft unter den Menschen finden, die Landeswährung bei Verkäufen an den Staat zu akzeptieren.

Vereinfacht gesagt, wird die Bevölkerung feststellen, dass sie keine zusätzliche Landeswährung benötigt, wenn sie bereits die erforderliche Summe an Steuerschuld gesammelt hat, welche die Regierung durchsetzen kann (plus eine gewisse Reserve für Notfallzwecke). In diesem Fall könnte eine Erhöhung der Steuern die Nachfrage nach der Währung des Staats verstärken (um die Steuern zu zahlen), was zu mehr Verkäufen an die Regierung in dessen Währung führen würde.

Solange die Regierung nicht mehr Steuern erheben und einziehen kann, werden ihre Ausgaben, durch die Bereitschaft der Bevölkerung die Landeswährung bei Verkäufen zu akzeptieren, eingeschränkt. Und das wiederum wird durch eine Präferenz verursacht, Fremdwährung für andere inländische Zwecke als die Zahlung von Steuern zu verwenden. Während dies in entwickelten Ländern kein großes Problem darstellt, kann es in Entwicklungsländern ein ernstes Problem sein.

Bisher sind wir davon ausgegangen, dass die Regierung für Ausgaben und Steuern auf eine physische Währung zurückgreift (Banknoten und Münzen). In der Praxis verwenden Regierungen Schecks und zunehmend elektronische Einträge auf Bankkonten. Tatsächlich nutzt der Staat private Banken, um die meisten Transaktionen im Zusammenhang mit Ausgaben und Steuern durchzuführen.

In den kommenden Wochen werden wir daher eine "realistischere" Darstellung der technischen Details von Besteuerung und Regierungsausgaben vorlegen. Diese basiert auf der Verwendung von elektronischen Bankkonten anstelle physischer Währung. Dies ändert nichts an der grundlegenden Substanz der Theorie – aber es erfordert ein gewisses Verständnis der Operationen von Bank-, Zentralbank- und Finanzministerium, das in den folgenden Beiträgen vermittelt wird.

0 Ansichten
  • Facebook - Weiß, Kreis,
  • Twitter - Weiß, Kreis,
  • YouTube - Weiß, Kreis,
samy3.png
Schreiben Sie uns eine Nachricht
logo-mobile.png
pufges.png

IMPRESSUM || DATENSCHUTZERKLÄRUNG

© 2019 by Samuel Pufendorf Gesellschaft für politische Ökonomie e.V., 10823 Berlin (info@pufendorf-gesellschaft.org).