Todeskuss für Homo Oeconomicus?


In einem Interview für den Wirtschaftsblog der FAZ befindet der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, die Zeit der „güterwirtschaftlichen Modelle“ in der Volkswirtschaftslehre sei abgelaufen. „Hört! Hört!“, würde wohl unserer Namenspatron Samuel Pufendorf sagen.


Die bis heute in den Wirtschaftswissenschaften dominante Hypothese, der Tauschhandel bilde die Verständnisgrundlage für die moderne Warengesellschaft, stammt eigentlich von Karl Marx. Ausgangspunkt seiner Analyse der kapitalistischen Verhältnisse war die Frage, wie im Rahmen einer als Tauschwirtschaft vorgestellten Warengesellschaft die Parteien eines Tauschgeschäfts das Austauschverhältnis ihrer jeweiligen Waren bestimmen könnten.


Innerhalb des Tauschgeschäfts kommt der Ware eine Doppelfunktion zu. Sie ist einerseits Transaktionsgegenstand und andererseits Zahlungsmittel. Ersteres nennt Marx den Gebrauchswert, der die Ware des jeweils anderen (die Ware die ich haben möchte), letzteres den Tauschwert, der die eigene Ware (mit der ich bezahlen will) betrifft.


Beide Waren sind jeweils beides, ein vertrackter Zustand, der von vorneherein kaum geeignet erscheint, unser Vertrauen in die Hypothese einer durch Geld verschleierten Tauschwirtschaft als Synonym der modernen Warengesellschaft zu stärken.


In welcher Relation also sollen etwa fertige Produkte und Rohstoffe ohne Zuhilfenahme einer Geldmaßeinheit zueinanderstehen und ausgetauscht werden?


Logisch gibt es zwei Möglichkeiten, wie sich die Relation ergeben kann. Entweder die Tauschpartner finden ein gemeinsames objektives Drittes, an dem sie ihre beiden Waren gemeinsam messen können (das den Vergleich ermöglichende Dritte, lat.: tertium comparationis) oder ein von der Interaktion der Subjekte unabhängiger, quasi anonymer Mechanismus erledigt die Angelegenheit.


Für Marx, der die erste Lösung wählte, bildet die Arbeit das den Vergleich ermöglichende, wertgebende Element, weil alle Waren Arbeit verkörpern. Wie aber konkret ermitteln, wieviel und welche Arbeit eine bestimmte Ware im Vergleich zu einer anderen verkörpert? So logisch richtig Marx‘ Ansatz auch ist, in der Praxis ist er nicht zu gebrauchen. Was die in der Ware verkörperte Arbeitssubstanz betrifft, ist ausgerechnet Marx, der doch angetreten war, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, ein Metaphysiker. Der Begriff der Arbeitssubstanz nämlich ist nichts, dass sich sich beobachten ließe, sondern entspringt alleine gedanklicher Spekulation.


Immerhin aber war Marx Verweis auf die Arbeit als wertschaffendes Element gesellschaftspolitisch so suggestiv, dass aus Sicht seiner ideologischen Gegner dringend ein Gegenmodell geschaffen werden musste.


Die Lösung bestand darin, alle möglichen Tauschpartner jeweils auf feststehende Bedürfnis- und Präferenzbündel zu reduzieren, die jeweils stumpf („rational“) ihren ausschließlich auf sich selbst bezogenen Nutzen verfolgen.


Das Zustandekommen einer Austauschrelation hat man sich danach in etwa so vorzustellen, als gäbe man allesamt unterschiedliche Puzzleteile in eine große Schüttelbox, die man solange schüttelt, bis sich die passenden Puzzleteile miteinander verbinden – und die unpassenden nicht.

Ob kooperative Arbeit oder steriler Eigennutz – für beide Lager ist Geld für die moderne Warengesellschaft nicht konstitutiv.


Dabei hielt Marx den Schlüssel zu der Frage, ob eine Warengesellschaft ohne Geld vorstellbar ist, selbst in Händen – was ihm fehlte war das Schloss.


Auf Grund der Eigenschaft der Waren als Tauschwert verfügt die als Tauschwirtschaft vorgestellte Warengesellschaft über genauso viele Sorten Geld, wie es Waren, beziehungsweise mögliche gegenseitige Austauschverhältnisse zwischen ihnen gibt.


Bei n Waren existieren also 1 x 2 x 3 … x n = n! potentielle Sorten Geld.


In einer solchen Situation muss sich jeder Tauschpartner ständig fragen, ob er nun Waren verkauft oder Geld bezahlt. Die ständige Möglichkeit, dass Waren nicht um ihres Gebrauchswerts, sondern um ihres aktuellen oder potentiellen Tauschwerts willen nachgefragt und gegebenenfalls gehortet werden, behindert ständig den freien Fluss der Waren und ihre sinnvolle Allokation.


Erst die Polarisierung in Geld (Nichtware) und Ware befreit die Ware vom Verdacht, Geld (Tauschwert) zu sein und beendet den Zustand chaotischer relativer Bewertungen.


Nichts beleuchtet die Sehnsucht nach Geld als sinnstiftender Polarisierung in der Warengesellschaft besser als das sogenannte Wunder der Rentenmark im November 1923.


Die Rentenmark basierte auf verzinslichen Schuldverschreibungen der neu gegründeten Rentenbank, für deren Bonität der Idee nach quasi der gesamte deutsche landwirtschaftliche und gewerbliche Grundbesitz mittels Hypotheken und Grundschulden haften sollte. Wie auch immer man sich den Verkauf des gesamten deutschen landwirtschaftlich und kommerziell genutzten Bodens als Kompensation für in einer wertlosen Währung geschuldeten Zins aus Inhaberschuldverschreibungen (Zinspapieren) konkret vorzustellen gehabt hätte – funktionierte die Rentenmark, käme es nicht zur Haftung, funktionierte sie nicht, gäbe es nichts mehr, wofür zu haften wäre – wichtiger als die angeblich materielle Besicherung war der durch die umfassende Haftung vermittelte Eindruck der gesellschaftlichen Totalität, der den inflationsgeplagten Deutschen erstmals wieder eine durch Geld vermittelte Selbstwahrnehmung als Gesellschaft ermöglichte.


Die Rentenmark, mit der die Inflation tatsächlich schlagartig zum Erliegen kam, ist das Ergebnis eines sich selbst konstituierenden Vertrauens, mit der sich eine Gesellschaft – frei nach Münchhausen - selbst aus dem Sumpf zieht. Vertrauen schafft Geld und Geld schafft Vertrauen (schafft Geld etc.).


Die ketzerische Erkenntnis, dass Geld für moderne Warengesellschaften dasselbe ist, was der Gott Abrahams für Israel war, nämlich konstitutiv für das eigene Bewusstsein als gesellschaftliches Kollektiv, lässt für den Euro wenig Hoffnung.


Ihm fehlt als technokratisches Projekt jede Dramatik der gesellschaftlichen Geburt und der Geburt einer Gesellschaft.


Einzig die Franzosen scheinen ihn wegen seiner vermeintlichen Weltläufigkeit zu lieben wie ihr eigenes Kind. Sie haben den Euro ja auch vorangerieben, als Preis für die deutsche Wiedervereinigung.

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