Modern Monetary Theory und europäische Makroökonomie


In der Zeitschrift Berliner Debatte Initial ist in der jüngsten Ausgabe zum Thema "Arbeit im Osten" ein Text von Vorstandsmitglied Dirk Ehnts erschienen, der eine Einführung zu Modern Monetary Theory mit Bezug auf die Eurozone ist. Das Heft kann hier bezogen werden. Es folgen die ersten Absätze aus dem Artikel:


In jüngster Zeit etabliert sich eine neue makroökonomische Denkschule, die aus den USA kommend als „Modern Monetary Theory“ bezeichnet wird. Das auch unter der Ab­kür­zung MMT bekannte Theoriegebäude bekommt inzwischen zunehmend Aufmerksamkeit, nicht nur in der Sphäre des Internets, sondern auch von den übrigen Medien.[i] Mit Stephanie Kelton war eine der führenden MMT-Ökonomen Beraterin des US-Präsidentschaftskandi­daten Bernie Sanders, der womöglich gegen Trump gewonnen hätte, wenn er sich in den demokratischen Vorwahlen hätte durchsetzen können. Öffentlich bekannt ist auch Pavlina Tcherneva mit ihren wissenschaftlichen Studien zu ökonomischer Ungleichheit. Dieser Arti­kel enthält eine kurze Darstellung der Modern Money Theory, in der auch die wichtigsten Kritikpunkte behandelt werden. Mein eigenes Buch ist momentan die einzige deutsch­spra­chige Dar­stel­lung der Theorie mit Bezug auf die Eurozone.[ii]


Die entscheidenden Innovationen von MMT sind die Kombination von endogener Kredit­schöpfung (Banken schaffen Giralgeld aus dem Nichts) und einer chartalistischen Sicht auf staatliches Geld (Zentralbanken schaffen Zentralbankeinlagen aus dem Nichts) in Verbindung mit einer Makroökonomie, die sich strikt auf Einnahmen/Ausgaben und die damit verbun­dene Veränderung der finanziellen Nettoverschuldung der Sektoren Haushalte, Unter­neh­men, Staat und Ausland fokussiert. Zentral sind dabei Buchungssätze, die insbesondere die Verschränkung von Giralgeld und Zentralbankgeld erklären. Mithilfe der MMT sind Geld- und Finanzsystem ein­fach(er) zu verstehen und auch der Übergang zur Makroökonomie ist wesent­lich flüssiger als bei anderen Theorien. Wesentliche Erkenntnis: der moderne Staat, bestehend aus Regierung und Zentralbank mit eigener Währung, kann unbegrenzt Ausgaben tätigen, sollte diese Fähig­keit aber hauptsächlich zur Erreichung von Vollbeschäftigung einset­zen.


Von der Geldtheorie zur Makroökonomie


MMT erhebt den Anspruch, als wissenschaftliche Theorie eine empirisch nachweisbare Be­schrei­bung der Realität zu liefern. Aussagen zum Geldsystem und zu makroökonomischen Zusam­menhängen werden nur dann als wahr anerkannt, wenn sie als Buchungsvorgänge zwischen verschiedenen Bilanzen dargestellt werden können. MMT erfüllt so den Anspruch an eine empirische Wissenschaft, in der sich jede Hypothese an der Wirklichkeit messen lassen muss. Selbst wenn nicht alle Geldsysteme identisch sind, ist die „Falsifizierung“ dies­be­züglicher Aussagen durch genaue Analyse der Makro­- und Teilbilanzen möglich. MMT legt den Schwerpunkt nicht auf die (historische) Erklärung von „Geld“ an sich, sondern betrach­tet die Funktionen und Mechanismen der Schöpfung und Zerstörung von Einlagen bei Ban­ken (Giralgeld) und Zentralbank (Reserven) in einem modernen Geldsystem mit staatlichem Geld.


[i] Vgl. Abrahamian (2017) und Wilson (2017).

[ii] Es gibt ältere Texte, die wie Helmedag (2007) in großen Teilen mit MMT kompatibel sind.

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