Michael Sandel - Was man für Geld nicht kaufen kann


Obwohl schon 2012 erschienen ist das Buch von Michael Sandel mit dem Titel "Was man für Geld nicht kaufen kann" immer noch aktuell (Link zum Buch). Sandel fragt sich, ob nicht die Kommerzialisierung von einigen Bereichen des Lebens zu einem Verlust an Wohlfahrt führt. Als Beispiele wählt er Söldner, die im Krieg kämpfen, Unternehmen, die gegen Geld Schadstoffe ausstossen dürfen und Investoren, die mit Hilfe von Lebensversicherungen auf den Tod von Menschen wetten. Sandel beendet das Buch mit dem Satz: "Oder gibt es gewisse moralische und staatsbürgerliche Werte, die von den Märkten nicht gewürdigt werden - und die man für Geld nicht kaufen kann"?


Die Frage ist natürlich eine rhetorische, denn im Buch zeigt Sandel auf, dass es tatsächlich Bereiche gibt, in denen die Einführung von Preisen und damit Kosten zu einer Verhaltensänderung führt, die kaum für eine Verbesserung des Gemeinwohls sorgen wird. Der Klassiker ist die Studie aus Israel, in der die Eltern bei Verspätungen beim Abholen ihrer Kinder eine Strafe zahlen müssen. Dies legitimiert das Verhalten und sorgt dafür, dass die Eltern im Schnitt ihre Kinder noch später abholen! Die Einführung von Preisen und Märkten muss also nicht in jedem Fall wohlfahrtssteigernd wirken.


Diese Einsicht ist sehr hilfreich und auch interessant in Bezug auf staatliche Ausgabenpolitik. Der Staat kann, wenn er sich in eigener Währung verschuldet und die Zentralbank dafür sorgt, dass im Zweifelsfall mit ihr immer ein Käufer letzter Instanz mit tiefen Taschen da ist, seine Ausgaben nach Belieben steigern. Er kann, sofern gewünscht, auf alle Ressourcen zugreifen, die BürgerInnen ihm gegen seine eigene Währung verkaufen. Dies beinhaltet sowohl Güter und Dienstleistungen wie auch Arbeit. Eine interessante Frage stellt sich, wenn der Staat vorhandene Arbeitslosigkeit beseitigen möchte, in dem er mehr ausgibt und entsprechend ArbeitnehmerInnen mit Einkommen ausstattet. Was ist, wenn der Staat Märkte erzeugt in Bereichen, die vorher gut ohne Kommerzialisierung ausgekommen sind?


Letzte Woche meldete die New York Times, dass jüngste Forschungsergebnisse zu Schulgutscheinen auf eine Verschlechterung der Bildung nach den Reformen deuten. Der Staat hat in diesem Fall den Eltern Gutscheine für Schulbesuch ihrer Kinder gegeben, und diese suchten sich die Schulen selbst aus, statt das der Staat den Kindern eine Schule zuweist. Man könnte ja jetzt denken, dass die Eltern mit besonderer Sorgfalt die Schule ihrer Kinder auswählen und dann deren Ergebnisse beispielsweise in Mathematik sich verbessern würden. Das Gegenteil jedoch ist eingetreten!


Wenn der Staat also Arbeitslosigkeit beseitigen möchte, dann ist es keineswegs egal, in welchen Bereichen er Güter und Dienstleistungen gegen Geld oder auch kostenlos zur Verfügung stellt. Die Ressourcen sind begrenzt, und eine Investition in Ressourcen mit einer Verringerung des Gemeinwohls als Folge ist keine gute Idee. Sicherlich gibt es andere Bereiche, in denen Ressourcen effektiver zur Förderung des Gemeinwohls eingesetzt werden können! Je nachdem, wie gut der Staat ist, diese Bereich zu entdecken, werden Staaten mit gleichen Ressourcen unterschiedliche Lebensqualität aufweisen. Eine Erhöhung der Staatsausgaben ist also kein Autopilot, der immer das Beste aus den gegebenen Ressourcen herausholt.


Sollte der Staat irgend wann gar keine Bereiche mehr finden, in denen er durch staatliche Ausgaben das Gemeinwohl fördern kann, und trotzdem existiert weiterhin noch Arbeitslosigkeit, dann gibt auch dafür noch mindestens eine Lösung: die Arbeitszeit kann reduziert werden. Dadurch verteilt sich die bestehende Arbeit auf mehr Schultern, und auch wenn es sicherlich in der kurzen Frist zu Problemen kommt: in der langen Frist geht es sicherlich der großen Mehrheit der BürgerInnen besser. Dies war zumindest die Erfahrung der letzten 100 Jahre, in denen die Arbeitszeit kontinuierlich reduziert wurde.


Die Frage der Größe des Staates und seine Rolle in der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit führen also genau zu den Fragen, die auch Sandel stellt: welche Bereiche unseres Lebens sollen "kommerzialisiert" und welche sollen es nicht sein? Letzteres kann bedeuten, dass gegebenenfalls der Staat Güter oder Dienstleistungen zur Verfügung stellt. Insofern hat das Buch von Sandel auch im Jahr 2017 nichts an Brisanz verloren.

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