Meinungsverschiedenheiten unter vernünftigen Menschen, Teil 4

Jeden Freitag veröffentlichen wir einen kurzen Beitrag von Randall Wray, der schrittweise eine umfassende Theorie aufbaut, wie Geld in souveränen Ländern "funktioniert". Die Beitragsserie entstammt der Einführung in die "Modern Monetary Theory" (MMT) von Randall Wray aus dem Jahre 2011 auf der Website „New Economic Perspectives“ und wurde von Michael Paetz und Robin Heber ins Deutsche übersetzt. Zudem wird Vorstandsmitglied Dirk Ehnts jeden Freitagabend von 19-20 Uhr auf Facebook Fragen zum Beitrag der Woche beantworten. Ihr könnt uns natürlich auch gerne Fragen über das Emailformular (unten auf dieser Seite) schicken.

Von L. Randall Wray


Wir setzen diese Woche unsere Auseinandersetzung mit den Kommentaren zum Beitrag „MMT für Österreicher“ fort. Soweit ich das beurteilen kann, dreht sich die gesamte MMR-Diskussion letztlich um zwei Behauptungen.


Erste Behauptung


Erstens, dass es für den inländischen privaten Unternehmenssektor völlig in Ordnung ist, Defizite zu machen (die Nettogeldvermögensbildung ist für ihn negativ), während der inländische private Haushaltssektor Überschüsse erzielt und damit Forderungen an den Unternehmenssektor anhäuft.


So weit, so gut. Das widerspricht überhaupt nicht dem, was ich in meinen Beiträgen oder in meinem Buch von 1998 argumentiert habe, wie oben gezeigt. Das sind alles innersektorale finanzielle Forderungen, und sie saldieren sich zu Null. Dies könnte zusätzliche Aktivitäten hervorgerufen haben, die Produktionskapazität erhöht haben und so weiter. (MMRs singen jede Menge „Lobeshymnen an den Unternehmergeist“ und dergleichen. Das ist gut. Da stimme ich ihnen zu.)


Nun gut. Aber beachten Sie, dass, wenn nun der Haushaltssektor ständig Defizite gegenüber dem Unternehmenssektor hat (selbst wenn der private Sektor insgesamt im Gleichgewicht ist), wir immer noch in Schwierigkeiten geraten könnten - und eine Minsky-artige Schuldendeflation bekommen könnten, einfach weil die Haushalte ihre Schulden gegenüber den Unternehmen nicht bedienen können. Und beachten Sie auch, dass es nichts bringt, den umgekehrten Weg zu gehen: Was wäre, wenn die Firmen sich zunehmend gegenüber dem Haushaltssektor verschulden würden? Ja, sie könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn die Bruttoeinkommensströme nicht ausreichen würden, um die Schulden zu bedienen.


Aber die MMRler ignorieren das, wenn sie zu dem Schluss gelangen, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn das Defizit des Unternehmenssektors den Überschuss des Haushaltssektors übersteigt - also der private Sektor als Ganzes ein Defizit aufweist.


Nun, das ist im Ein-Sektor-Modell (I=S) unmöglich. Sie haben ein Kaninchen aus dem Hut gezogen und einen zweiten Sektor eingeschoben. Sagen wir, es ist der ausländische Sektor. In diesem Fall haben wir eine positive Kapitalbilanz (die Nettoexporte sind negativ) und die korrekte Gleichung ist S = I + (-NX), da die Nettoexporte negativ sind, oder S = I -NX. Das bedeutet, dass das Ausland Forderungen gegenüber dem inländischen Privatsektor anhäuft. Oder, der inländische Privatsektor verschuldet sich immer stärker bei Ausländern.


Muss das immer schlecht sein? Nein, natürlich nicht. Aber wenn es Jahr für Jahr passiert, sollten wir uns Sorgen machen? Vielleicht. Wir, die Haushalte, könnten irgendwann nicht mehr in der Lage sein, die immer weiter wachsenden Schulden der Firmen zu bedienen. Und das Ausland könnte einen Teil unseres realen Outputs beanspruchen.


Die andere Möglichkeit ist, dass der zweite Sektor die Regierung ist - und die Regierung Forderungen an den privaten Sektor anhäuft. Immer schlecht? Nicht unbedingt. Aber wenn es sich trendmäßig fortsetzt, "zeigt die Geschichte" - wie Greenspan zu sagen pflegte -, dass darauf ein tiefer Abschwung folgt (6 von 7 Mal folgte in den USA auf anhaltende Haushaltsüberschüsse der Bundesregierung eine Depression; beim siebten Mal die globale Finanzkrise). Und selbst wenn wir nur geringere Defizite hätten - und nicht unbedingt vollständige Budgetüberschüsse - folgen fast immer Rezessionen. In der folgenden Abbildung zeigt die blaue Linie den Saldo des privaten Sektors - und wenn dessen Überschuss (oder Nettogeldvermögensbildung) sinkt, sehen wir in der Regel bald darauf eine Rezession (schattierter Bereich). Mit anderen Worten: Empirisch sieht es so aus, als ob eine Verringerung der Nettogeldvermögensbildung des privaten Sektors ein ziemlich guter Indikator für einen kommenden Abschwung ist - also ist dies normalerweise keine gute Sache.





Zweite Behauptung


Die MMR-Leute gingen sofort zum "Sparen in Sachwerten" über, mit irgendeinem Bauern, dessen Kuh sich irgendwie in 10 Kühe verwandelt, wobei die zusätzlichen 9 Kühe eine "Ersparnis" darstellen, die ohne irgendwelche Defizite entstanden. (Ich nehme an, dass sie nicht besonders viel über Tierhaltung wissen.) Wie auch immer, lassen Sie uns so tun, als ob eine Kuh 9 Kälber zur Welt bringen kann und genug Zitzen hat, um sie am Leben zu erhalten.


Was hat das mit nominalen Ersparnissen und nominalen Investitionen zu tun und den Gleichungen, die wir durchgegangen sind? Wer zum Geier weiß das schon? Ich denke, wir brauchen ein paar dieser bewusstseinsverändernden Chemikalien oder mathematische Gleichungen, um unsere Gehirne mit der "Brillanz" dieser Analyse vertraut zu machen.


OK. Echte Dinge, echte Produktion, reale Ersparnisse - wir haben unsere Definition von Ersparnissen wieder geändert. Die Behauptung ist, dass MMR mehr "reale Welt" ist, während MMT irgendwo im Äther des Theorielandes angesiedelt sei. Eigentlich habe ich immer "reales Sparen" zugelassen - wie bei einem Bauern, der seine eigenen Samen pflanzt, sie erntet und etwas für das nächste Jahr aufhebt. Aber beachten Sie, dass eines der "Ms" in MMT (und vermutlich auch in MMR) für "Geld" steht und sich daher auf das Geldsystem konzentriert. Das liegt nicht daran, dass wir nicht anerkennen, dass es "echte Dinge" und "reales Sparen" gibt, sondern weil wir keine Notwendigkeit sahen, die "ricardianische" Ökonomie zu korrigieren, die sich bereits mit all dem befasst. Unser Einwand ist, dass die Mainstream-Ökonomie Geld völlig falsch verstanden hat.


(Offensichtlich steht das R in MMR für "Realismus" oder ein ähnliches Adjektiv - so wie Kühe mit 9 Zitzen "realistischer" sind als die Kühe, mit denen ich aufgewachsen bin, die nur vier - gelegentlich und ausnahmsweise fünf oder sechs – hatten. Aber das ist alles kein Vergleich zum "modernen Geldrealismus", der Kühe mit 9 Zitzen (und vermutlich mehreren Eutern) hat. Vielleicht ist eine kleine Unterrichtsstunde für unsere MMR-Freunde über "die Vögel und die Bienen" notwendig, dann lernen sie, Kühe vermehren sich nicht ohne Bullen - also selbst wenn sie Glück hatten und Ihre Kuh beim ersten Mal ein männliches Kalb hatte. Um mehr Kühe zu bekommen, müsste dieses Männchen aufwachsen und sich mit seiner Mutter paaren - was dazu führen würde, dass alle seine Freunde ihn mit einem unfreundlichen Wort beschimpfen würden, das mit "M" beginnt und mit "R" endet, und es ist nicht "MMR". Abgesehen von den neun Kälbern und neun Zitzen haben wir also ein kleines Problem: Woher kamen die Bullen, um die "echten Dinge" zu erzeugen, die Gegenstand der MMR-Ökonomie sind.)


Sind die MMTler in dieser Hinsicht verwirrt? Ich hatte mehrere Abschnitte in meinen Beiträgen, in denen reale Ersparnisse diskutiert wurden. Lassen Sie uns sehen, was ich gesagt habe, da Carney und die MMRs scheinbar übersehen haben.


Aus Beitrag 2: Die Grundlagen der makroökonomischen Buchhaltung

Eine Anmerkung zu nichtfinanziellen Vermögenswerten (Sachvermögen)


Das Geldvermögen des einen wird notwendigerweise durch die finanzielle Verbindlichkeit eines anderen ausgeglichen. In der Summe muss das Nettogeldvermögen gleich Null sein. Sachvermögen stellt hingegen das eigentliche Vermögen dar, das nicht durch die Verbindlichkeiten eines anderen ausgeglichen wird, so dass auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene das Nettovermögen dem Wert des realen (nicht-finanziellen) Sachvermögens entspricht.


Zur Verdeutlichung: Sie haben vielleicht ein Auto gekauft, indem Sie sich verschuldet haben. Ihre Verbindlichkeit (Ihr Autokredit) wird durch die Forderung, welche die Autokreditgesellschaft hält, ausgeglichen. Da beides in der Summe gleich Null ist, bleibt der Wert des Sachvermögens - des Autos - übrig. In den meisten der folgenden Diskussionen werden wir uns mit finanziellen Aktiva und Passiva befassen, aber wir werden im Hinterkopf behalten, dass der Wert des Sachvermögens sowohl auf individueller (einzelwirtschaftlicher) als auch auf aggregierter (gesamtwirtschaftlicher) Ebene Nettovermögen darstellt. Wenn wir alle finanziellen Verbindlichkeiten von den Gesamtvermögenswerten (real und finanziell; Sach- und Geldvermögen) abziehen, bleiben nur die nicht-finanziellen (realen) Sachvermögenswerte übrig. Sie stellen das gesamtwirtschaftliche Nettovermögen dar.


Und, wer hätte das gedacht, es gibt sogar einen Beitrag mit dem Titel: Bilanzierung von realen und finanziellen (nominalen) Werten. Könnte es sein, dass wir uns dort mit realer Ersparnis beschäftigt haben? Schauen wir mal.


Aus Beitrag 17: Bilanzierung von realen und finanziellen (nominalen) Werten

Die Währungseinheit des Staates ist ein handliches Messgerät, das wir benutzen, um Kredite, Schulden und etwas ziemlich Esoterisches, das wir als "Wert" bezeichnen könnten, zu messen. (…) Wir brauchen eine Maßeinheit, die geeignet ist, völlig verschiedene Dinge zu messen. Wir können nicht Farbe, Gewicht, Länge, Dichte oder ähnliches verwenden. Aus historischen Gründen, auf die ich jetzt nicht näher eingehen werde, verwenden wir normalerweise die staatlich festgelegte Recheneinheit. Ansonsten können wir den Wert nur in Bezug auf die Sache selbst messen. Zum Beispiel ist es ziemlich einfach, den Wert von Zucker in Einheiten von Zucker zu messen – wir können das Gewicht des Zuckers verwenden, und wenn die Kristalle einheitlich sind, könnten wir sogar ihre Anzahl ausrechnen. Normalerweise messen wir Zucker jedoch nach Volumen (zumindest beim Kochen und Backen). (…) Wenn ich mein gesamtes Vermögen zusammenzähle, schließe ich alle Dollar-Schuldscheine ein, die ich gegen Banken, die Regierung, andere Finanzinstitutionen, Freunde und Familie usw. habe. Das ist mein Bruttogeldvermögen. (…) Dagegen zähle ich alle meine eigenen Schuldscheine auf - gegenüber Banken, Regierung, Familie und Freunden.


Jetzt bin ich eindeutig noch nicht fertig. Ich habe ein Haus und ein Auto (und vielleicht etwas Zucker im Küchenschrank). Angenommen, ich habe Schulden bei ihnen, da ich einen Kredit aufgenommen habe (ich habe meinen eigenen Schuldschein bei der Bank oder der Autofinanzierungsgesellschaft usw. ausgestellt). Das ist ein Teil meiner finanziellen Schuldscheine, die in der obigen Berechnung enthalten sind. Aber ich bezahle schon seit Jahren, und deshalb ist der ausstehende Schuldschein viel geringer als der Wert meines Autos und meines Hauses. Ich zähle den Geldwert des Autos und des Hauses und addiere ihn zu meinem Geldvermögen, um das Bruttovermögen zu erhalten [Anm. der Red.: Auch Bruttoreinvermögen genannt].


Nun, wie genau ich das Haus und das Auto schätze, ist schwierig und unterliegt den Regeln der Buchhaltung. Aber das ist nicht wichtig, um das Prinzip zu verstehen. Wir nehmen den Gesamtwert des Bruttovermögens (finanziell plus real; Geld- und Sachvermögen) und subtrahieren die ausstehenden Verbindlichkeiten (in der Regel finanziell, aber es könnten auch einige echte Zucker-Schuldscheine darunter sein), um ein Nettovermögen zu erhalten. Dieses setzt sich natürlich aus dem Sachvermögen plus Nettogeldvermögen zusammen. Das gesamte Nettovermögen wird also größer sein als das Nettogeldvermögen, weil ich zusätzlich noch Sachvermögen besitze (ein Auto und ein Haus z.B.). (Ich könnte ein negatives Nettogeldvermögen haben, das - hoffentlich - durch positives Sachvermögen mehr als ausgeglichen wird. Ansonsten bin ich "unter Wasser").

Die meiste Zeit in dieser Einführung konzentrieren wir uns auf den monetären Teil der Wirtschaft - auf das, was Keynes als "monetäre Produktion" und Marx als M-C-M' bezeichnete, in dem die Produktion mit Geld beginnt, um eine Ware zu produzieren, die für "mehr Geld" (Gewinne) verkauft werden kann. Wir konzentrieren uns darauf, weil das im Grunde genommen das ist, worum es im Kapitalismus geht, und wir beschäftigen uns hauptsächlich damit, wie "modernes Geld" in einer kapitalistischen Wirtschaft funktioniert. (Beachten Sie jedoch, dass "Steuern sichern die Akzeptanz einer Währung" auch für frühere Gesellschaften gilt, die nicht kapitalistisch waren).

Doch selbst im Kapitalismus ist es offensichtlich, dass nicht jede Produktion von Beginn an mit Geld verbunden ist und nicht alles mit der Aussicht auf Profit betrieben wird. In etwa zwei Stunden werde ich das Abendessen zubereiten und das Geschirr abwaschen. Ich werde nicht bezahlt werden, geschweige denn Gewinne erzielen. Nun beginnt zumindest ein Teil dieses "Produktionsprozesses" mit Geld - ich habe die meisten Zutaten zum Kochen eingekauft und sowohl Wasser als auch Seife zum Waschen erworben. Aber ein Teil der Zutaten (insbesondere meine Arbeitskraft) wird nicht bezahlt.


Ist diese Art der Produktion wichtig? Zweifellos - selbst in einer hochentwickelten kapitalistischen Wirtschaft wie der amerikanischen ist es schwer vorstellbar, wie die auf Geld basierende Produktion ohne all die unbezahlte Arbeit stattfinden könnte, die mit der "Reproduktion" der "Arbeitskraft" verbunden ist (dies sind die Begriffe von Marx - man kann sie durch "Unterstützung der Familien, die die Arbeiter versorgt" ersetzen). Häusliche Dienstleistungen, Kindererziehung, Erholung und Entspannung usw. sind von entscheidender Bedeutung und beinhalten meist keine monetären Transaktionen. Wir können diese - und manchmal tun wir das auch – trotzdem in monetären Einheiten messen. Es gibt nicht nur eine "Fluss"-Dimension (erinnern Sie sich an die Diskussion in den ersten MMT-Beitrags) in Form von täglichem Geschirrspülen, sondern auch eine "Bestands"-Dimension - die Anhäufung von Wissen und Fähigkeiten, die unsere Jugendlichen später brauchen werden (von Ökonomen oft als "Humankapital" bezeichnet). Dieser (wachsende) Bestand sollte zu unserem "Sachvermögen" und damit zu unserem gesamten Nettovermögen hinzugerechnet werden. Es liegt auf der Hand, dass diese Dinge sehr schwer in Geld zu messen sind.


Bedeutet dies, dass wir etwas vernachlässigen, wenn wir nicht über reale Produktion oder Akkumulation sprechen? Ich sehe nicht, warum.


Ich hätte es auch so ausdrücken können, dass sich eine Kuh durch jungfräuliche Geburten in 10 Kühe vervielfältigt, mit einer ausreichenden Anzahl von Zitzen und ausreichend selbstproduziertem Heu, um alle zu versorgen, ohne dass Geld dazwischenkommt. Menschen haben solche wundersamen Vermehrungen (und sogar noch mehr als das, wenn man die Verwandlung von Wasser in Wein und von Brot in Fisch mitzählt - wenn ich die Geschichten richtig verstanden habe, denn ich muss zugeben, dass ich eine Menge davon verschlafen habe) seit Tausenden von Jahren beobachtet, bevor es überhaupt eine Geldwirtschaft gab. Mit anderen Worten, die neun gezüchteten Kühe, die MMR auftischt, haben überhaupt nichts mit Geld zu tun, und daher wird der MM-Teil von MMR nicht einmal ins Spiel gebracht, um diese Wunder als "realistisch" zu erklären. Ehrlicherweise sollte man die MMR-Seite nur auf "R" abkürzen, da es gar nicht um Geld geht, modernes oder anderes. Es ist die "R 9-zitzige Kuh und unbefleckte Empfängnis"-Theorie der Wirtschaft.

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